You are currently browsing the tag archive for the ‘Tsunami’ tag.

Wieder einmal steigt Rauch oder Dampf aus zwei der beschädigten Reaktoren in Fukushima auf. Gestern hatte es fast angefangen etwas besser auszusehen aber natürlich habe ich und wohl auch alle anderen mit weiteren Rückschlägen gerechnet.


Am Freitag habe ich die Stadt Kobe besucht. Vor 16 Jahren wurde sie beim letzten grösseren Erdbeben in Japan sowie anschliessenden Bränden fast komplett zerstört. 5000 Menschen sind damals gestorben. Damals haben Experten gesagt, die Stadt würde zehn Jahre brauchen bis alles wieder aufgebaut sei. Doch schon nach zwei bis drei Jahren war die Infrastruktur wieder hergestellt. Und als ich nun Kobe besucht habe, erschien es mir unvorstellbar das all dies in weniger als zwanzig Jahren wiederaufgbeaut worden war. Auf einem Ausläufer der Stadt ins Meer hinaus, gibt es ein Memorial für jenes Erdbeben von damals, dort bin ich hingegangen und habe auf einmal wieder richtig viel Hoffnung gehabt. Zerstörte Gebäude, verlorene Erinnerungen und vernichtete Verbingungswege sind nichtig, solange Menschen zurückbleiben mit genug Kraft um alles wieder aufzubauen. Humankapital ist alles, und genau davon hat Japan viel.

Ich habe eine wirklich gute Zeit in Osaka. Für meine Organisation kann ich nun einige Büroarbeiten von Zuhause aus erledigen. Die Verwandten meiner Gastfamilie hier sind Heute mit ihren Kindern wieder zurück nach Tokyo gereist, weil sie die Lage für sicher genug halten. Jetzt ist alles auf einmal sehr ruhig geworden und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile sitze ich allein vor dem Computer und habe Zeit zum Blog schreiben, ohne Kinder die spielen wollen oder Omas die jemanden zum reden suchen.


Morgen gehe ich vielleicht noch einmal nach Kyoto. Dies ist ebenfalls eine wundervolle Stadt, wo es besonders aus historischer Sicht einiges zu sehen gibt. Nirgends in Japan gibt es mehr alte Gebäude, Schreine, Tempel und Festungen zu besichtigen. Himeji mit seiner gigantischen Burg ist auch nicht weit weg von hier, leider wird sie zur Zeit jedoch restauriert. Vielleicht gehe ich im Verlauf der Woche trotzdem einmal hin, schliesslich ist dies die Grösste von Japans verbliebenen Feudalburgen.

Ich wohne überigens nicht in Osaka selbst sondern in einer kleineren Stadt zwischen Osaka und Kobe namens Nishinomiya. Hier gibt es einen kleinen Fluss um den viele Kirschbäume gepflanzt sind. Bald ist es soweit, gestern war der Feiertag des Beginns des Frühlings. Diese Zeit scheint sehr wichtig zu sein für die Japaner. Vielleicht hat die Kirschblüte, die unter anderem für die Hoffnung auf das Ende des Winters, Aufbruch und die Vergänglichkeit steht, dieses Jahr eine noch stärkere Bedeutung für die Japaner. Schön wärs auf jeden Fall.


Wenn man einfach so durch die Strassen geht würde man sich niemals denken das irgendetwas ungewöhnliches passiert ist. Die Leute hier in der Kansai Region verstehen Tokyo ganz allgemein als etwas was enorm weit weg ist. Doch wenn man mit den Leuten spricht, wird einem klar, dass sich hinter dieser bewundernswerten Maske aus Würde und freundlicher Unbesorgtheit, eigentlich die gleichen Ängste verbergen wie bei allen Menschen. Es wird nur auf eine ganz andere Weise damit umgegangen. Sie werden auf eine andere Weise ausgesprochen, weniger deutlich, weniger klar und haben dadurch eine ganz andere Bedeutung. Wenn hier jemand weint, bedeutet es etwas anderes als an einem anderen Ort. Es wird nicht geklagt, es gibt kaum Verbitterung gegen das Unveränderbare. Es gibt nur das Ende dessen was man zu Kontrollieren fähig ist und erst dies ist der Punkt an dem die Tränen kommen. Und selbst dann, selbst wenn alle wissen wie gross dieser Schmerz ist, gibt es jene die sich aufgrund dieses Anzeichens der Schwäche verachtungsvoll abwenden und dann kehrt die Kontrolle zurück, aus Scham.


Manch einer fragt sich wohl warum ich nicht einfach nach Hause komme. Ich weis es selber nicht so genau. Ich weis nur das es für mich im Moment die falsche Entscheidung wäre. Vielleicht komme ich nicht nach Hause, weil ich die Hoffnung nicht so einfach aufgeben will. Vielleicht weil ich es vor dem Erdbeben hier so gut hatte und ich mich auch jetzt sehr wohl fühle. Vielleicht weil ich nicht viele Japaner kenne die verstehen würden, warum ich auf einmal flüchten will. Vielleicht auch weil ich Angst habe, dass einfach wegzugehen und alles so plötzlich zurückzulassen in mir ebensogrossen Schaden anrichten würde wie das Risiko zu bleiben. Ich glaube ich bin kein schlechter Verlierer aber mit dem Aufgeben, selbst wenn es wohl sinnvoller wäre, habe ich es nicht so gut.


Die Veränderung meiner Ganzen Situation war so schockartig, dass ich wohl noch eine ganze Weile brauchen werde bis ich mir wirklich bewusst werden kann was überhaupt passiert ist. Ich bin aber niemand der in Panik verfällt nur weil er sich nicht in der Lage fühlt eine Situation ganz zu erfassen, denn wann können wir das schon? Ich will nicht einfach aus Sturheit hierbleiben oder ähnliches, sondern aus der festen Überzeugung das die Situation noch nicht ganz verloren ist. Und weil ich die Leute hier nicht einfach verlassen will. Wohl auch weil ich mich nicht als Touristen verstehe. Weil alle Begegnungen und Erfahrungen hier, etwas mir unbekanntes, einzigartiges in sich zu tragen scheinen. Weil andere Volunteers meiner Organisation in anderen Ländern auch Problemen und Bedrohungen ausgesetzt sind? Ich weis es wirklich nicht. Ich hoffe nur, dass dieses Unwissen vielleicht auf ein bisschen Verständnis stösst.

(Bilder können durch anklicken vergrössert werden.)

Advertisements