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Wieder einmal steigt Rauch oder Dampf aus zwei der beschädigten Reaktoren in Fukushima auf. Gestern hatte es fast angefangen etwas besser auszusehen aber natürlich habe ich und wohl auch alle anderen mit weiteren Rückschlägen gerechnet.


Am Freitag habe ich die Stadt Kobe besucht. Vor 16 Jahren wurde sie beim letzten grösseren Erdbeben in Japan sowie anschliessenden Bränden fast komplett zerstört. 5000 Menschen sind damals gestorben. Damals haben Experten gesagt, die Stadt würde zehn Jahre brauchen bis alles wieder aufgebaut sei. Doch schon nach zwei bis drei Jahren war die Infrastruktur wieder hergestellt. Und als ich nun Kobe besucht habe, erschien es mir unvorstellbar das all dies in weniger als zwanzig Jahren wiederaufgbeaut worden war. Auf einem Ausläufer der Stadt ins Meer hinaus, gibt es ein Memorial für jenes Erdbeben von damals, dort bin ich hingegangen und habe auf einmal wieder richtig viel Hoffnung gehabt. Zerstörte Gebäude, verlorene Erinnerungen und vernichtete Verbingungswege sind nichtig, solange Menschen zurückbleiben mit genug Kraft um alles wieder aufzubauen. Humankapital ist alles, und genau davon hat Japan viel.

Ich habe eine wirklich gute Zeit in Osaka. Für meine Organisation kann ich nun einige Büroarbeiten von Zuhause aus erledigen. Die Verwandten meiner Gastfamilie hier sind Heute mit ihren Kindern wieder zurück nach Tokyo gereist, weil sie die Lage für sicher genug halten. Jetzt ist alles auf einmal sehr ruhig geworden und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile sitze ich allein vor dem Computer und habe Zeit zum Blog schreiben, ohne Kinder die spielen wollen oder Omas die jemanden zum reden suchen.


Morgen gehe ich vielleicht noch einmal nach Kyoto. Dies ist ebenfalls eine wundervolle Stadt, wo es besonders aus historischer Sicht einiges zu sehen gibt. Nirgends in Japan gibt es mehr alte Gebäude, Schreine, Tempel und Festungen zu besichtigen. Himeji mit seiner gigantischen Burg ist auch nicht weit weg von hier, leider wird sie zur Zeit jedoch restauriert. Vielleicht gehe ich im Verlauf der Woche trotzdem einmal hin, schliesslich ist dies die Grösste von Japans verbliebenen Feudalburgen.

Ich wohne überigens nicht in Osaka selbst sondern in einer kleineren Stadt zwischen Osaka und Kobe namens Nishinomiya. Hier gibt es einen kleinen Fluss um den viele Kirschbäume gepflanzt sind. Bald ist es soweit, gestern war der Feiertag des Beginns des Frühlings. Diese Zeit scheint sehr wichtig zu sein für die Japaner. Vielleicht hat die Kirschblüte, die unter anderem für die Hoffnung auf das Ende des Winters, Aufbruch und die Vergänglichkeit steht, dieses Jahr eine noch stärkere Bedeutung für die Japaner. Schön wärs auf jeden Fall.


Wenn man einfach so durch die Strassen geht würde man sich niemals denken das irgendetwas ungewöhnliches passiert ist. Die Leute hier in der Kansai Region verstehen Tokyo ganz allgemein als etwas was enorm weit weg ist. Doch wenn man mit den Leuten spricht, wird einem klar, dass sich hinter dieser bewundernswerten Maske aus Würde und freundlicher Unbesorgtheit, eigentlich die gleichen Ängste verbergen wie bei allen Menschen. Es wird nur auf eine ganz andere Weise damit umgegangen. Sie werden auf eine andere Weise ausgesprochen, weniger deutlich, weniger klar und haben dadurch eine ganz andere Bedeutung. Wenn hier jemand weint, bedeutet es etwas anderes als an einem anderen Ort. Es wird nicht geklagt, es gibt kaum Verbitterung gegen das Unveränderbare. Es gibt nur das Ende dessen was man zu Kontrollieren fähig ist und erst dies ist der Punkt an dem die Tränen kommen. Und selbst dann, selbst wenn alle wissen wie gross dieser Schmerz ist, gibt es jene die sich aufgrund dieses Anzeichens der Schwäche verachtungsvoll abwenden und dann kehrt die Kontrolle zurück, aus Scham.


Manch einer fragt sich wohl warum ich nicht einfach nach Hause komme. Ich weis es selber nicht so genau. Ich weis nur das es für mich im Moment die falsche Entscheidung wäre. Vielleicht komme ich nicht nach Hause, weil ich die Hoffnung nicht so einfach aufgeben will. Vielleicht weil ich es vor dem Erdbeben hier so gut hatte und ich mich auch jetzt sehr wohl fühle. Vielleicht weil ich nicht viele Japaner kenne die verstehen würden, warum ich auf einmal flüchten will. Vielleicht auch weil ich Angst habe, dass einfach wegzugehen und alles so plötzlich zurückzulassen in mir ebensogrossen Schaden anrichten würde wie das Risiko zu bleiben. Ich glaube ich bin kein schlechter Verlierer aber mit dem Aufgeben, selbst wenn es wohl sinnvoller wäre, habe ich es nicht so gut.


Die Veränderung meiner Ganzen Situation war so schockartig, dass ich wohl noch eine ganze Weile brauchen werde bis ich mir wirklich bewusst werden kann was überhaupt passiert ist. Ich bin aber niemand der in Panik verfällt nur weil er sich nicht in der Lage fühlt eine Situation ganz zu erfassen, denn wann können wir das schon? Ich will nicht einfach aus Sturheit hierbleiben oder ähnliches, sondern aus der festen Überzeugung das die Situation noch nicht ganz verloren ist. Und weil ich die Leute hier nicht einfach verlassen will. Wohl auch weil ich mich nicht als Touristen verstehe. Weil alle Begegnungen und Erfahrungen hier, etwas mir unbekanntes, einzigartiges in sich zu tragen scheinen. Weil andere Volunteers meiner Organisation in anderen Ländern auch Problemen und Bedrohungen ausgesetzt sind? Ich weis es wirklich nicht. Ich hoffe nur, dass dieses Unwissen vielleicht auf ein bisschen Verständnis stösst.

(Bilder können durch anklicken vergrössert werden.)

Er ging nach Hause.

Es hatte wieder ein kleines bisschen angefangen zu Regnen, Blitze und Donner hörte man jedoch nur noch aus der Ferne. Nachts hatte dieser Regen auf einmal etwas sehr melancholisches. Sein Haar war heute nie trocken gewesen, seit…

Er ging nach Hause, allein.

Natürlich hätte er auch den Bus nehmen können, doch er mochte es überaus gerne zu Fuss nach Hause zu kommen. Denn so konnte er über viele Dinge nachdenken. Manche Leute sagten ihm immer wieder jenes nachdenken sei nicht gut für ihn. Sie sagten er denke über zu viele Dinge nach, er müsse lernen so manches einfach zu akzeptieren.

Er dachte daran all seine Freunde auf einmal an einem Ort zu versammeln, er dachte darüber nach wer sich wohl besonders schlecht mit wem verstehen würde. Natürlich wollte er das nicht wirklich tun, er mochte nur den Gedanken wirklich alle Leute mit denen er je gut ausgekommen war zusammen zu sehen, keiner würde absagen, in dieser Vorstellung.

Er lächelte und bog in eine Seitenstrasse.

In der Realität würde kaum ein Drittel tatsächlich erscheinen.

Aber sie würde da sein. Er würde sich nur auf sie konzentrieren und alle anderen vergessen, wer wollte das schon?

Es war schon so gewesen als er sie das erste Mal gesehen hatte aber bei ihm war das bei vielen Frauen so wenn er sie das erste Mal sah. Das besondere war viel mehr das es länger angehalten hatte.

Er ging die ganze Hauptgasse hinunter und verfolgte das wilde Treiben des fliessenden Regenwassers auf der Strasse. Es erinnerte ihn an etwas, was vor längerer Zeit durch die Gassen einer anderen Stadt geflossen war.

Es war sein Beruf. Sein Beruf hatte ihn ständig von ihr weggetrieben und von allen anderen die er sowieso  nicht hatte wiedersehen wollen. Doch bei ihr tat es ihm leid. Alle anderen redeten dauernd über Häuser die man doch kaufen sollte, Kinder die man haben müsse und Kirchen in denen man heiraten sollte. Er wollte das grundsätzlich auch, doch irgendwie kam es ihm nicht richtig vor, noch nicht.

Sie lies ihm Zeit.

Er war noch nicht viel mehr als das Kind, von dem die anderen Leute ihm sagten er sei es einmal gewesen.

Er erreichte seine Wohnung und schloss die Tür auf.

Ein richtig schlechter Mensch war er nicht, ein richtig guter auch nicht. Er glaubte ohnehin nicht an gute oder schlechte Menschen, eigentlich nicht einmal an gute oder schlechte Taten. Doch viele Menschen taten das und dies war der Grund warum er tat was er tat: Er half Leuten.

Er hängte seine Jacke über den Stuhl wie er es jeden Tag tat. Dann ging er ins Wohnzimmer, schenkte dem dort hängenden Symbol für einen Gescheiterten Freiheitskampf oder eine Revolution mit blutigem Ausgang ein Müdes Lächeln. Dieser junge Mann der dort mit seinen Einkaufstaschen vor einer Reihe Panzern stand und keinen Anschein machte sich zu bewegen, hatte auf der einen Seite den grösstmöglichen Respekt verdient den ein Mensch je erreichen konnte. Auf der anderen Seite erinnerte er ihn manchmal an ihn selbst. Er motivierte ihn jeden Morgen aufzustehen und das weiterzumachen was er tat.

Das tat der Tankman wohl für so einige Leute.

Er nahm eine Dusche, diesmal warm.

Bevor er sich schlafen legte verfolgte ihn vor allem der Gedanke, ob sie ihn von dem abhielt was er tat. Es dauerte eine Weile, doch schliesslich löste er sich von seinem Computer Bildschirm und legte sich schlafen.

Wie lange es gedauert hatte bis er einschlief, hatte er am nächsten Tag wie die meisten Menschen in solchen Fällen schön längst vergessen.

Dies ist ein Kapitel der abgeschlossenen Kurzgeschichte Wiederkehr im Sommerregen

Er hatte Freunde die in Mittelalter Clubs und Sience Fiction Vereinigungen mitmachten, sich deshalb regelmässig zu Rollenspiel Events trafen um gemeinsam, irgendwo in einem Wald oder unbenutzten Kellerräumen, Abenteuer zu erleben oder ihre  Weltraumschlachten zu schlagen. Andere Freunde von ihm gingen einmal am Tag ins Fitnessstudio, um sich mit Anabolika und Steroiden voll zu dröhnen nur um danach im Spiegel den Muskeln quasi beim Wachsen zusehen zu können. Er kannte Leute die Tag und Nacht mit Videospielen verbrachten und andere die obwohl sie gleich alt waren wie er immer noch daran glaubten einmal Basketballstar zu werden. Andere bauten Modelleisenbahnen oder hielten Ausschau nach Alien Funksprüchen. Alles Leute die sich selbst ernst nahmen.

Er beneidete sie alle ein wenig. Neid darauf dass diese Menschen irgendetwas hatte was ihr Leben auszufüllen schien und ihnen das Gefühl gab wichtig zu sein. Etwas was für sie alle die verlorene Religion dieser Gesellschaft ersetzte. Obwohl er vieles erlebt hatte, musste er sich eingestehen nie so etwas gehabt zu haben.

Ein Mann ohne grosse Träume, der trotzdem stets davon ausgegangen war irgendwann die Welt verändern zu werden. Heute entlockte ihm jener Gedanke nur noch ein müdes Lächeln, die Welt verändern…

Er stand da und putzte das Gemüse.

Karotten, Rübenkohl und Broccoli. Er dämpfte alles nur kurz in ein wenig heisser Brühe, so dass es schön bissfest blieb, denn sie hasste matschiges Essen. Sie hatte kein Fleisch im Haus gehabt, deshalb gab es einfach Teigwaren und eine Pilzsauce, mit dem Gemüse eben.

Er fragte sich warum sie nicht zu ihm gegangen waren.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer um den Tisch zu decken sah er sie auf ihrem alten Polstersessel vor dem nicht brennenden Kamin sitzen. Sie hatte die Lesebrille mit dem grossen schwarzen Rahmen auf und las in einem Buch, er stellte einmal fest dass er es aus irgendeinem Grund mochte wenn sie diese Brille trug. Wieso wusste er nicht.

Er stellte fest dass ihr alter Eichenparkettboden immer noch an derselben Stelle fürchterlich knarrte. Sie sah auf und lächelte, er lächelte ebenfalls und stellte fest das man jetzt essen könne.

So sassen sie dann da, sie rühmte sein Essen und er wusste das sie dies auch getan hätte wenn es schlecht gewesen wäre, musste sich jedoch eingestehen das ihm mit den wenigen Dingen ein recht gutes Abendessen gelungen war. Nur Wein für die Pilzsauce hatte er keinen finden können.

Er goss sich und ihr Wasser nach.

Sie hatte eigentlich sowieso nie Alkohol im Haus.

Er eigentlich auch nur selten.

War ich dir eigentlich nie zu normal?

Sie lachte, du? Normal? Wie kommst du darauf?

Er stellte mit Erstaunen fest wie verlegen ihn ihre Amüsiertheit machte. Er versuchte sich zu erklären und scheiterte.

Sie lächelte erneut.

Du warst einfach nicht da. Dein einziges Problem war das du einfach nicht mehr da warst.

Er wusste das und verfluchte erneut die Umstände die ihn dazu gebracht hatten einfach so zu verschwinden. Umstände die er ihr niemals einfach würde erklären können, die er all den Frauen vor ihr auch nicht hatte erklären können. Die Umstände die normalerweise der Grund waren wieso er nicht zurückkehrte, doch diesmal hatte er es getan.

Alles wegen ein bisschen Sommerregen.

Dies ist ein Kapitel der abgeschlossenen Kurzgeschichte Wiederkehr im Sommerregen

Fortsetzung von Er stand da. Sie sagte nichts.

Der Sommerregen war für kurze Zeit zum Gewitter geworden, um kurz darauf ein Sturm zu werden. Blitze um sich schleudernd und betäubend donnernd war er danach einfach plötzlich verschwunden, wie er es so an sich hat an manchen Tagen.

So standen sie dort, in der Mitte dieser riesigen Wiese.

Sie die sich so viel und nichts zu sagen hatten.

Im Regen war hatte sie seine Hand losgelassen, war weggerannt um sich einholen zu lassen. Sich versteckt um gefunden zu werden, sich von ihm gelöst um umarmt zu werden.

Doch nun standen sie einfach da.

Die Sonne kam hinter einer dicken Regenwolke hervor, stolz war sie einmal mehr den Sieg davongetragen zu haben.

Sie war so perfekt. Er wusste das, jeder wusste es. Ein Engel, nach dem Regen mit durchnässtem Haar, das den wiedergekehrten Sonnenschein reflektierte und glänzte.

Er wusste nicht wieso er gegangen war und konnte nicht sagen warum er wiederkam.

Sie wusste das. Sie wusste so viel mehr über ihn als er je wissen würde.

Er stand nur da.

Unter dem hohen Gras der Wiese hatte sich die Erde in Lehmigen Matsch verwandelt aus der Wasser hervorquoll wann immer man darauf stand.

Plötzlich durchbrach sie die Stille und meinte dass sie nach Hause gehen sollten.

Er nickte.

Nach Hause? Ihr zu Hause? Seins? Zusammen oder allein?

Er ging nur neben ihr. Redete über das Wetter und die Vögel. Er erzählte ihr inhaltslose Dinge und sie lächelte darüber ohne glücklich zu sein.

Er fragte ob er kochen soll. Sie sagte ja.

Sie wusste dass sie ohne ihn nicht mehr Leben konnte und er wusste gar nichts.

Er wusste nur dass er wiedergekommen war und er wusste dass dies etwas zu bedeuten hatte.

Sie hoffte zu wissen was.

Fortgesetzt in Alles wegen ein bisschen Sommerregen.

Er stand da vor ihrer Tür. Er stand da ohne Blumen, ohne zurechtgelegte Worte und ohne zu wissen was er eigentlich erwartete oder wollte.

Er wusste nur dass es regnen würde.

Ein heisser, sonniger Sommertag war es gewesen. Ein schwüler, erdrückender Abend voller schwarzer Wolken war es dann geworden.

Ja. Genau das hatte ihn wieder hierhin geführt. Die Erinnerung, an das was sie zusammen einmal hatten.

Er stand da ohne Schuhe.

Er klopfte.

Nach einem kurzen Moment der sich ewig anfühlte wollte er sich gerade umdrehen und gehen.

Sie öffnete die Tür. Sie sagte nichts.

Er stand da.

Die meisten Frauen hätten jetzt viele Fragen gestellt, hätten wissen wollen warum er hier wäre nach so langer Zeit und warum er sich nicht gemeldet hätte. Sie wären mit einer Flut aus Neugierde, Freude und Wut über ihn hereingestürmt. Viele hätten ihn hereingebeten, einige auch weggejagt.

Doch sie sagte nichts. Sie sah ihn lange an, mitten in die Augen. Kein Lächeln nur ein wenig Verletztheit das er gegangen war und ein bisschen Freude über das wiedersehen.

Sie wusste warum er hier war.

Man hörte wie die ersten, einzelnen Regentropfen des Sommergewitters auf dem Asphalt aufschlugen und man roch den teerigen Duft ihres Dampfes.

Er versuchte zu lächeln. Doch eigentlich stand er immer noch nur da.

Sie zuckte die Schultern und zog Hausschuhe sowie Socken aus.

Er stand da und streckte die Hand aus.

Sie nahm seine Hand und lief mit ihm mitten hinein in den Sommerregen.

Fortgesetzt in Nach dem Regen.

Der andere Herbst. Ein grauer Morgen, ich gehe über den grauen Asphalt der Strasse, der Himmel ist grau gefärbt, unter den Bäumen liegen Blätter die ihr herbstrot längst verloren haben und sich stetig hässlich braungrau färben, während sie langsam vermodern, Herbstmode. Ich trage die graue Jacke, schwarzgraue Hosen und die grauen Schuhe, die vor einiger Zeit einmal weis gewesen waren, glaube ich. Mein Halstuch schwarz, braun, grau.

Der rote Zug kommt, rot, stechendes rot im allgegenwärtigen Grau, sieht aber weniger stilvoll aus als diesen Lippenstiftrot in Sin City, Realität sieht viel zu selten stilvoll aus. Ich steige ein, dort ist sie, sitzt da, sieht mich. Ich hätte hallo sagen sollen, vielleicht sagen sollen dass es mir leid tut, die Dinge von früher, vielleicht irgendetwas sagen. Aber ich sehe sie nur an, verziehe mein Gesicht zu einem unnatürlichen Lächeln und setze mich in der anderen Richtung irgendwo hin. Viel zu schwierig, was hätte es gebracht? Keine Ahnung, ihr vielleicht nichts und dafür mir, mir vielleicht nichts aber ihr?

Am Fenster zieht grau nach grau vorbei, ich liebe den Herbst, ich glaube er ist realer als der Sommer, der uns immer vorgaukelt wie wundervoll alles wäre und ich mag diese Sommersonne nicht, die mir sarkastisch ins Gesicht lacht und sich ab der scheinbar fürchterlich lustigen Ironie meines Seins amüsiert.

Ich mag den Herbst weil er mir die Wahrheit sagt, weil er mich ein wenig Sehnsüchtig macht und nicht so tut als wäre einfach so alles einfach so in Ordnung. Ich mag den Herbst der Kälte wegen, dem Wind der Halstücher und braunrote Blätter tanzen lässt, der mir sagt das ein Ende naht, mir den Neubeginn verkündet, mir davon erzählt dass alles stirbt und im Frühling neu beginnt.

Wenn der Herbstwind leise pfeifend davon erzählt, grau, in grau mit unstilvollem bräunlich, düsterem rot.

Man steht da und hat Angst, man weis eigentlich gibt es nichts wovor es sich zu fürchten lohnen würde und trotzdem, wenn ich im Dunkeln nach Hause gehe habe ich so meine Vorstellungen. Nicht wirklich Angst, ein kalter Schauer in der absolut schwarzen Nacht einfach. Als man noch ein Kind war, ist man nach Hause gerannt und hat die Haustür hinter sich zugeknallt bevor man zu Mami gerannt ist. Manchmal würde ich das heute immer noch gerne tun, einfach die Dunkelheit hinter mir lassen und rennen. Doch es würde nichts bringen, es gibt kein Mami mehr das wartet und es gibt kein Entkommen mehr aus der Dunkelheit des Lebens an sich. Also muss ich entweder anfangen in die Kirche zu gehen und mir damit in Gott ein grösseres Mami suchen, oder ich kann versuchen der Dunkelheit etwas Gutes abzugewinnen.

Ich sass da in der Aula des Schulhauses in irgendeinem Dorf, an irgendeinem Konzert meiner kleinen Schwester. Natürlich gehe ich immer gerne zuhören wenn sie singt, obwohl ich weder Ahnung von Musik habe, noch weil es mich wirklich fasziniert. Ich versuche nicht einzuschlafen und auch nicht andauernd zu gähnen, der Sauerstoff in einem Raum wird auf Dauer knapp wenn so viele Leute da drin sind. Nicht einschlafen, allein meine Anwesenheit zählt, deine Schwester freut sich bestimmt wenn sie dich unten sitzen sieht, aber nicht wenn du schläfst. Ich gehe hin weil es sie freut und weil man das so macht als grosser Bruder, oder so.

Früher hatte ich oft Angst irgendwann nackt in einem Raum aufzuwachen, einst träumte ich vom Aufwachen in der Schulstunde, ich war nur in Boxer-Shorts da und jeder hat mich im Traum gefragt ob ich nicht friere und wieso ich nicht mehr angezogen hätte. Ich hatte keine Ahnung. Manchmal hat man Angst vor kleinen Dingen, besonders wenn man sie nicht erwartet, ist erschrecken überhaupt auch Angst? Kommt wohl darauf an vor was man erschreckt, ich weis es nicht.

Ein kleines Kind das Laufen lernt, weint nicht erst wenn es hingefallen ist, nein es fängt oft schon an zu weinen wenn es das Gleichgewicht verloren hat und weis dass es fällt. Selbstaufgabe, es versucht sich nicht mehr zu retten weil es Angst vor dem schmerzvollen Sturz hat. Angst ist lähmend, vielleicht geben wir alle manchmal zu früh auf, aus der lähmenden Angst des Schmerzes nach dem Sturz.

Wache…! , ich stelle mir irgendetwas vor, ich stelle mir vor wie die Kerze vorne auf der Bühne den Vorhang mit Feuer ansteckt, vom Vorhang geht das Feuer, trotz des Sauerstoffmangels, weiter an die hölzerne Holztäferdecke. Ich frage mich ob das Leder des Metallstuhls auf dem ich sitze auch brennt, wenn die Temperatur stimmt, wahrscheinlich schon, auch das World Trade Center brannte. Der Gedanke hält mich anwesend, ich kann der Musik nicht folgen.

Vielleicht kann Dunkelheit wundervoll sein. Ich meine würde ich weiterlaufen wenn ich das Ziel der Reise kennen würde? Würde ich meinen Weg auch gehen wenn die Sonne scheinen würde? Würde ich finden das Leben lohnt sich, wenn ich nicht durch Dunkel schreiten müsste? Ich weis es natürlich nicht genau, genau so wenig wie ich weis was am Ende kommt. Es ist schliesslich Dunkel und es macht mir Angst, so wundervoll es auch sein mag. Vielleicht brauche ich diese Angst jedoch ein wenig.

Ich gähne schonwieder, es muss am Sauerstoff liegen, ich kann nichts dafür, aber ich denke nicht dass sie es gesehen hat. Ich hoffe sie hat es nicht gesehen, irgendwie habe ich Angst einzuschlafen, nicht wegen den Leuten rund um mich herum, nicht weil es peinlich wäre. Nein, ich habe Angst vor dem enttäuschten Blick in den Augen meiner kleinen Schwester. Seltsam, oder? Sie wäre nicht einmal böse, geschweige den wütend, sie würde nichts böses sagen und vielleicht sogar so tun als hätte sie es nicht gesehen. Vor dieser kleinen Sache, vor diesen enttäuschten Augen, fürchte ich mich ein wenig. Doch ich war bisher immer da, bin nie eingeschlafen und trotzdem macht es mir jedesmal ein wenig Angst.

Ich bin eigentlich recht gross, also wirklich gross, eigentlich. Eigentlich sogar für einen Mann relativ gross. Früher, als ich noch kleiner war, dachte ich immer wenn man gross ist fühlt man sich nicht mehr klein, wenn man Angst hat. Aber ich denke, wenn man gross ist, kommt man sich wenn man Angst hat noch viel kleiner vor. Erstens weil man sich ja sonst viel grösser gefühlt hat, als wenn man sowieso schon klein war und zweitens weil man nicht mehr zugibt Angst zu haben.

Doch ich bleibe wach, ich habe mir noch einige weitere Katastrophen Szenarien für diesen Raum voller Leute vorgestellt, ein guter Trick um wach zu bleiben und ich überlege mir all diese komischen interpretations Arten von Angst, ebenfalls eine Möglichkeit nicht einzuschlafen, wie Schafe zählen, nur andersrum. Doch vielleicht war es ja auch die Angst die mich wachhielt, ich habe keine Ahnung.

 

Gestern habe ich ein Person getroffen, mit der ich schon seit einer Weile über einige Dinge hatte reden wollen. Ich hätte ihr gerne gedankt und ich hätte ihr gerne gesagt wie sehr sie mir manchmal geholfen hat, ich hätte gewollt das sie weis wie ich über sie denke. Aber es ging nicht. Es ging nicht ich stand vor ihr und hatte tausend Gedanken und Ideen auf einmal im Kopf, die alle gleichzeitig zu Sätzen hätten geformt werden wollen. Doch bevor ich überhaupt über irgend etwas genauer nachdenken konnte, hörte ich mich schon über irgendwelche Belanglosigkeiten mit der Person reden. Und dies ist immer so, immer das gleiche wenn ich ein Gespräch auf persönlicher ebene führen möchte, außer bei Leuten die mich gut kennen. Bei meiner Arbeit habe ich dies natürlich nicht, auch wenn ich mich mit jemandem über irgendwelche Sachthemen unterhalte ist es anders, es ist nur da wenn es um mich geht, oder meine Beziehung zu jemand anderem.

Ich glaube es ist nicht einmal nur Nervosität, ich möchte einfach zu viel, ich habe in solchen Momenten zu viele Gedanken auf einmal und am Ende kommt keine einzige zum Zug. Ich denke deshalb könnte ich auch nie irgendwo, irgendwann ein Mädchen ansprechen das ich nicht kenne, ich würde da stehen und wüsste nicht was sagen, bis sich die Magensäure in meinem Mund verteilen würde.. aber das hatten wir ja schon einmal. Wer das liest mag mich natürlich für einen Feigling oder für ängstlich halten, dies bin ich wohl auch, aber ich denke vielleicht steckt noch mehr dahinter, denn ich dies alles führt dazu das ich meist einfach oberflächlich bleibe. Es ist nicht so das mich die Leute nicht mögen würden, aber die meisten nehmen mich als oberflächlich wahr, eine Person die selten etwas von sich preisgibt und sich über viele Dinge bedeckt hält. Vielleicht bleiben die meisten Leute einfach oberflächlich und haben deshalb meine Probleme nicht, aber gerade weil ich eigentlich nicht als oberflächlich wahrgenommen werden möchte habe ich wohl diese Schwierigkeiten, kann es jedoch auf seltsame Art nicht beeinflussen. Also verzweifle ich oft daran die richtigen Worte zu finden und habe nach Gesprächen das Gefühl alles falsch gemacht zu haben.

Genau aus diesen Gründen liebe ich das schreiben, ich liebe es Zeit dafür zu haben meine Gedanken und Ideen ausdrücken zu können, ich liebe es das man es dann versteht und ich liebe es dass auf diese Weise jeder weis was ich denke. Ich bin froh darüber zu schreiben, bin froh wenn es jemand liest und ich bin froh das mich wegen dem schreiben einige Leute vielleicht ein bisschen besser verstehen, das diese Leute mir Zeit lassen kurz nachzudenken und das richtige zu sagen. Ich bin glücklich und dankbar schreiben zu dürfen.