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Baseball ist ein langweiliger Sport. Man muss es ganz ehrlich sagen. Besonders für Europäer, schliesslich kennen die meisten von uns kaum die elementarsten Regeln. Hier in Nishinomiya ist das jedoch ein wenig anders. Hier steht das Hanshin Koshien Stadium, wo jedes Jahr zweimal die High School Baseball Wettkämpfe Japans stattfinden.


Das erste Mal von Koshien gehört, habe ich schon in meiner ersten Woche in Japan. Jeder freute sich ein wenig darauf, Baseball ist der moderne Nationalsport und Schulbaseball ist den Japanern mindestens ebensowichtig wenn nicht sogar um einiges wichtiger als die professionellen Baseball Ligen. Das wusste ich alles bevor ich nach Nishinomiya kam.


Was ich jedoch nicht wusste, war das diese ganze Meisterschaft immer in einem einzigen Stadion stattfinden und von dort aus auf dem ersten Kanal des Staatsfernsehens ins ganze Land übertragen wird. Was ich auch nicht wusste, war das es seit fast 100 Jahren immer das gleiche Stadion ist und das dieses Stadion nur zwanzig Minuten von meinem Haus entfernt ist. Nishinomiya kennt niemand, aber wenn man dann sagt da sei das Koshien Stadion, weis sofort jeder Japaner wovon man redet.

Jedenfalls haben mein Gastvater und ich uns gestern unseren O-Bento (Lunchbox) vorbereitet und sind dahin. Ich glaube die Japaner mögen das Schulbaseball etwas mehr als die Profiligen weil die Schüler wirklich alles geben und es mehr um den Kampfgeist geht als um Perfektion und Geld. Wobei Geld schon auch eine Rolle spielt, Privatschulen sind meistens besser trainiert als andere und manchmal werden gute Spieler auch von einer anderen Schule umworben. Die Japaner fiebern deshalb meistens mit den öffentlichen Schulen etwas mehr mit.


Es soll etwas stiller sein im Stadion wegen des Erdbebens und wenn die Teams aus den Kriesenregionen spielen, etwas emotionaler zugehen als sonst. Das wurde mir jedoch nur erzählt, ich fand die Atmosphäre fröhlich und gut.

Ausserdem war ich seit meinem letzten Eintrag einige Male mehr in Osaka. Bei meinem ersten Besuch war ich von dieser Stadt nich unbedingt begeistert. Es gibt zwar viele beeindruckende Gebäude aber irgendwie kam mir die Stadt so leer, ja fast tod vor. Alles war sehr seltsam, ich dachte es seien vielleicht wegen dem Erdbeben weniger Leute auf der Strasse. Den Japanern denen ich gesagt habe der Bereich in Osaka um den Hauptbahnhof sei mir leer vorgekommen, war unverständlich was ich meine. Als ich jedoch erneut nach Osaka gegangen bin, habe ich herausgefunden wo alle Leute sind. Man kann vom Hauptbahnhof in Osaka unterirdisch jeden anderen Ort auf der Welt erreichen. Der Hauptbahnhof von Osaka befördert täglich mehr als 2.3 Millionen Menschen und jeder davon bewegt sich unterrirdisch. Man kann unterirdisch ins Büro arbeiten gehen und man kann ins Einkaufszentrum spazieren – oder in den Vergnügungspark. Osaka ist gut ausgerüstet, falls die nukleare Bedrohung diesen Ort auch erreichen sollte. Eigentlich ist es ein einziges grosses Gebäude. Ich kam mir vor wie in einem Ameisenhaufen.

Das ich hier über Basebal und Osaka schreibe, sagt wohl viel aus über die Situation im Zusammenhang mit dem Erdbeben und Fukushima. Niemand hier ignoriert das Problem oder spielt sie herunter, sondern man versucht einfach auch ab und zu an andere Dinge zu denken. Wasser kann man seit einigen Tagen schon nicht mehr in jedem Supermarkt kaufen und in jenen wo man es noch kann wird es meistens auf vier oder fünf Liter rationiert. Ausserdem sind manche Hausfrauen ganz aus dem Häusschen weil das Gemüse (besonders Spinat) und die Milch hier viel billiger wurde. Aus der Region Fukushima kommen die zwar hier nicht aber viele Leute scheinen sich nicht mehr so ganz wohl zu fühlen, wenn sie diese Dinge essen.


Ich habe mich nun entschlossen hier zu bleiben und zumindest in den nächsten Monaten nicht nach Hiratsuka zurückzukehren. Die Familie bei der ich hier wohne hat mir schon vor langer Zeit angeboten für meinen ganzen Aufenthalt hier zu bleiben und das mache ich jetzt auch. Traurig die andere Familie in Hiratsuka einfach so zurückgelassen zu haben, bin ich schon. Sie haben unglaublich viel für mich gemacht und sich enorm viele Dinge vorgenommen die sie mit mir unternehmen wollten. Daher hoffe ich wirklich das sie meine Entscheidung verstehen werden und nicht denken es hätte etwas mit ihnen zu tun.


Der Vater meiner neuen Gastfamilie hier in Nishinomiya arbeitet für Kepco, dem Stromversorger der Region Kansei. Dies ist das Gegenstück zum Unternehmen Tepco welches die Region rund um Tokio versorgt. Ausserdem ist Tepco der Betreiber Fukushimas und die momentane Verkörperung des Bösen für unsere westliche Antiatomkraftbewegung.


Auch Kepco hat einige Atomkraftwerke und mein Gastvater arbeit in der Werbeabteilung. Seine Loyalität zu seinem Unternehmen und auch zu Tepco, mit welchem seine Firma öfter einmal zusammenarbeitet, war als ich hier in den ersten Tagen nach den Erdbeben ankam unerschüttert. Er war der absolut festen Überzeugung die Verantwortlich würden die Lage in kürzerster Zeit wieder unter Kontrolle haben. Gleich am ersten Abend erklärte er mir auch ganz genau was in den Reaktoren um Fukushima passiert sei. Verkaufen kann er wirklich gut aber er hatte auch nicht mehr Informationen als ich sie aus den Nachrichten hatte und ich war um einiges skeptischer als er.


In den letzten zwei Wochen konnte man einen sichtbaren Resignierungsprozess an ihm mitverfolgen. Ein Japaner kündigt natürlich nicht einfach seine Anstellung aber das er sich immer unwohler fühlt ist deutlich festzustellen. Schliesslich hat er in seinem gesamten bisherigen Berfusleben nichts anderes gemacht als den Japanern Atomkraft als sicher und zukunftsträchtig zu verkaufen. Er wirkt jedoch nicht depressiv, nur wie jemand der auf einmal feststellt das seine Zukunft und die seiner sehr jungen Familie viel ungewisser ist als er sie sich vorgestellt hat.

In den letzten Tagen unterhalte ich mich oft mit ihm über erneurerbare Energien, minergie Häuser, Grossheizungen, Stromsparlösungen und den Sinn und Unsinn von Gaskraftwerken. Er kennt das alles, sagte mir jedoch vor zwei Wochen noch die Japaner würden niemals höhere Energiepreise in kauf nehmen. Gestern jedoch meinte er bereits, alle in seinem Unternehmen denken nun über diese neuen Wege um von der Atomkraft wegzukommen nach, auch jene die vor einem Monat noch darüber gelacht hatten. Wie er selbst auch.

Bilder werden vergrössert wenn man drauf klickt.

Weiterführende Links (english):

Das Koshien Stadion in Nishinomiya: http://en.wikipedia.org/wiki/Koshien_Stadium

Osaka Station: http://en.wikipedia.org/wiki/%C5%8Csaka_Station

Wieder einmal steigt Rauch oder Dampf aus zwei der beschädigten Reaktoren in Fukushima auf. Gestern hatte es fast angefangen etwas besser auszusehen aber natürlich habe ich und wohl auch alle anderen mit weiteren Rückschlägen gerechnet.


Am Freitag habe ich die Stadt Kobe besucht. Vor 16 Jahren wurde sie beim letzten grösseren Erdbeben in Japan sowie anschliessenden Bränden fast komplett zerstört. 5000 Menschen sind damals gestorben. Damals haben Experten gesagt, die Stadt würde zehn Jahre brauchen bis alles wieder aufgebaut sei. Doch schon nach zwei bis drei Jahren war die Infrastruktur wieder hergestellt. Und als ich nun Kobe besucht habe, erschien es mir unvorstellbar das all dies in weniger als zwanzig Jahren wiederaufgbeaut worden war. Auf einem Ausläufer der Stadt ins Meer hinaus, gibt es ein Memorial für jenes Erdbeben von damals, dort bin ich hingegangen und habe auf einmal wieder richtig viel Hoffnung gehabt. Zerstörte Gebäude, verlorene Erinnerungen und vernichtete Verbingungswege sind nichtig, solange Menschen zurückbleiben mit genug Kraft um alles wieder aufzubauen. Humankapital ist alles, und genau davon hat Japan viel.

Ich habe eine wirklich gute Zeit in Osaka. Für meine Organisation kann ich nun einige Büroarbeiten von Zuhause aus erledigen. Die Verwandten meiner Gastfamilie hier sind Heute mit ihren Kindern wieder zurück nach Tokyo gereist, weil sie die Lage für sicher genug halten. Jetzt ist alles auf einmal sehr ruhig geworden und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile sitze ich allein vor dem Computer und habe Zeit zum Blog schreiben, ohne Kinder die spielen wollen oder Omas die jemanden zum reden suchen.


Morgen gehe ich vielleicht noch einmal nach Kyoto. Dies ist ebenfalls eine wundervolle Stadt, wo es besonders aus historischer Sicht einiges zu sehen gibt. Nirgends in Japan gibt es mehr alte Gebäude, Schreine, Tempel und Festungen zu besichtigen. Himeji mit seiner gigantischen Burg ist auch nicht weit weg von hier, leider wird sie zur Zeit jedoch restauriert. Vielleicht gehe ich im Verlauf der Woche trotzdem einmal hin, schliesslich ist dies die Grösste von Japans verbliebenen Feudalburgen.

Ich wohne überigens nicht in Osaka selbst sondern in einer kleineren Stadt zwischen Osaka und Kobe namens Nishinomiya. Hier gibt es einen kleinen Fluss um den viele Kirschbäume gepflanzt sind. Bald ist es soweit, gestern war der Feiertag des Beginns des Frühlings. Diese Zeit scheint sehr wichtig zu sein für die Japaner. Vielleicht hat die Kirschblüte, die unter anderem für die Hoffnung auf das Ende des Winters, Aufbruch und die Vergänglichkeit steht, dieses Jahr eine noch stärkere Bedeutung für die Japaner. Schön wärs auf jeden Fall.


Wenn man einfach so durch die Strassen geht würde man sich niemals denken das irgendetwas ungewöhnliches passiert ist. Die Leute hier in der Kansai Region verstehen Tokyo ganz allgemein als etwas was enorm weit weg ist. Doch wenn man mit den Leuten spricht, wird einem klar, dass sich hinter dieser bewundernswerten Maske aus Würde und freundlicher Unbesorgtheit, eigentlich die gleichen Ängste verbergen wie bei allen Menschen. Es wird nur auf eine ganz andere Weise damit umgegangen. Sie werden auf eine andere Weise ausgesprochen, weniger deutlich, weniger klar und haben dadurch eine ganz andere Bedeutung. Wenn hier jemand weint, bedeutet es etwas anderes als an einem anderen Ort. Es wird nicht geklagt, es gibt kaum Verbitterung gegen das Unveränderbare. Es gibt nur das Ende dessen was man zu Kontrollieren fähig ist und erst dies ist der Punkt an dem die Tränen kommen. Und selbst dann, selbst wenn alle wissen wie gross dieser Schmerz ist, gibt es jene die sich aufgrund dieses Anzeichens der Schwäche verachtungsvoll abwenden und dann kehrt die Kontrolle zurück, aus Scham.


Manch einer fragt sich wohl warum ich nicht einfach nach Hause komme. Ich weis es selber nicht so genau. Ich weis nur das es für mich im Moment die falsche Entscheidung wäre. Vielleicht komme ich nicht nach Hause, weil ich die Hoffnung nicht so einfach aufgeben will. Vielleicht weil ich es vor dem Erdbeben hier so gut hatte und ich mich auch jetzt sehr wohl fühle. Vielleicht weil ich nicht viele Japaner kenne die verstehen würden, warum ich auf einmal flüchten will. Vielleicht auch weil ich Angst habe, dass einfach wegzugehen und alles so plötzlich zurückzulassen in mir ebensogrossen Schaden anrichten würde wie das Risiko zu bleiben. Ich glaube ich bin kein schlechter Verlierer aber mit dem Aufgeben, selbst wenn es wohl sinnvoller wäre, habe ich es nicht so gut.


Die Veränderung meiner Ganzen Situation war so schockartig, dass ich wohl noch eine ganze Weile brauchen werde bis ich mir wirklich bewusst werden kann was überhaupt passiert ist. Ich bin aber niemand der in Panik verfällt nur weil er sich nicht in der Lage fühlt eine Situation ganz zu erfassen, denn wann können wir das schon? Ich will nicht einfach aus Sturheit hierbleiben oder ähnliches, sondern aus der festen Überzeugung das die Situation noch nicht ganz verloren ist. Und weil ich die Leute hier nicht einfach verlassen will. Wohl auch weil ich mich nicht als Touristen verstehe. Weil alle Begegnungen und Erfahrungen hier, etwas mir unbekanntes, einzigartiges in sich zu tragen scheinen. Weil andere Volunteers meiner Organisation in anderen Ländern auch Problemen und Bedrohungen ausgesetzt sind? Ich weis es wirklich nicht. Ich hoffe nur, dass dieses Unwissen vielleicht auf ein bisschen Verständnis stösst.

(Bilder können durch anklicken vergrössert werden.)

Da ist ein Mann im Fernsehen, in einem Laden dessen Besitzer er offensichtlich ist. Er steht fast bis zu den Knien im Wasser und versucht mit der Schaufel in seiner Hand irgendetwas wegzuschaufeln. Das Geschehene vielleicht, denke ich mir. Doch dann hält ihm jemand ein Mikrofon hin. Der Mann sagt er wolle seinen Laden bald wieder aufmachen und hofft das es seinen Kunden gut gehe. Und mir wird mit einem Mal klar das er wirklich dabei war das Wasser des Tsunamis aus seinem Laden zu schaufeln. Dieser Laden steht irgendwo in Sendai. Irgendwo inmitten dieser Landmasse die zuerst bebte, dann von einem mehr als sieben Meter hohen Tsunami überollt wurde. Ein Tsunami der zuvor ein Öllager getroffen hatte, wegen dem alles was überig blieb zu brennen begonnen hatte.

 

Und doch glaube ich diesem Mann jedes Wort. Er wird seinen Laden aufräumen, auch wenn es bedeutet das er das ganze Haus wieder aufbauen muss – am genau gleichen Ort. Man mag nun denken die Japaner seien stur. Doch dies ist ein Missverständniss. Sie verstehen die Natur auf eine andere Weise als wir es tun. Der Vulkan ist der Boden auf dem Japan steht, die Erdbeben waren schon immer da und werden es immer sein. Das Meer bietet den Japanern viel, dafür müssen sie die Tsunamis ertragen. Alles wird zerstört und wieder aufgebaut, jede Stadt genau da wo sie gewesen ist. Genau wie Hiroshima.

 

Meine eigenen Gefühle einzuschätzen fällt mir momentan schwer. Wir waren auf diesem Trip, zu Mt. Fuji. Es war alles wunderschön, alles surreal. Jeder Tag war perfekt und dann kamen wir am Abend ins Hotel und sahen am Fernseher Atomkraftwerke explodieren und die Opferzahlen des Erdbebens und des Tsunamis ansteigen. Auf dem Heimweg haben wir dann den Wagen vollgetankt und Hakone alle möglichen Vorräte gekauft. Wasser, Reis, Vitamine, Salz, Zucker, Kerzen, Batterien und Akkus, alles wurde aufgestockt. Als wir dann wieder in Hiratsuka ankamen, sahen wir viele geschlossene Tankstellen und kilometerlange Autoschlangen vor den noch geöffneten. Viele Läden waren ebenfalls geschlossen oder beinahe ausverkauft.

 

Die Züge fahren in Hiratsuka ebenfalls noch nicht, vielleicht morgen irgendwann. Deshalb wäre es sehr schwierig von hier wegzukommen. Das EDA hat allen Schweizer Bürgern in der Region Tokyo/Yokohama empfohlen darüber nachzudenken ob ihr Aufenthalt dort nötig ist und wenn nicht die Ausreise aus dem Land in Betracht zu ziehen. Ich wohne etwas westlich von Yokohama und betrachte meinen Aufenthalt hier nicht unbedingt als notwendig, deshalb habe ich mir überlegt in den westen Japans zu gehen. Das werde ich morgen auch tun, wenn morgen noch alles so ist wie es heute Abend war. Die ersten Züge sind nämlich wieder gefahren heute. Die Tochter meiner ersten Gastfamilie wohnt mit ihrer eigenen Familie in Osaka und sie hat mir angeboten das ich eine Weile dort bleiben könnte, bis alles etwas besser ist.

 

Heute sitze ich hier und warte so halb auf den Super GAU. Das dieser nicht eintritt glauben nur noch die wenigsten Japaner. Doch sie schaffen es auf mir unverständliche Weise ihm eiskalt ins Auge zu blicken. Oder direkt an ihm vorbei. Es gibt keine Panik, Kinder gehen immer noch zur Schule und jeden Tag versammeln sich Tausende Geschäftsleute vor den geschlossenen Bahnhofen um dort eine Kolonne zu bilden. Um dort auf den Zug zu warten, von dem sie wissen das er nicht kommt.

 

Alles was den vierzig Millionen Menschen rund um Tokyo, den zwei kleinen Mädchen meiner Gastfamilie und dem Rest der Welt bleibt ist das hoffen auf Westwind. Und Wind ist bekanntlich eine ziemlich ungünstige Sache um sich daran festzuhalten.