Die Zeit hier in Japan vergeht wie im Flug. Und doch kommt es mir der Gedanke seltsam vor, erst zwei Wochen hier zu sein. Meinem Gefühl nach könnten es gut zwei Monate sein. Ich habe mich inzwischen etwas eingelebt und organisiert. Den Rhythmus habe ich inzwischen auch gefunden, ich schlafe nur mehr als gewöhnlich. Ob das noch mit dem Jetlag zu tun hat oder einfach an der Überreizung meines Gehirns mit neuen Einflüssen liegt vermag ich nicht zu sagen.

Die letzte Woche habe ich mit japanisch lernen Informationen verbracht. Dafür musste ich jeden Tag mit der U-Bahn von Saitama City nach Shinjuku im Zentrum Tokios fahren, was etwa eine halbe Stunde dauert. Eine U-Bahn Fahrt in Tokio ist ein einzigartiges Erlebnis – im negativen Sinn. Morgens werden hier die Leute wie Vieh vom Bahnhofpersonal in die Wagen gepresst. In den Wagen kann man sich dann eigentlich nicht mehr bewegen. Die meisten Leute behalten während der Fahrt die Augen zu und hören Musik, einige schaffen es auch trotz dem Gedränge etwas zu lesen. Das wichtigste ist wohl das man es schafft abzuschweifen, sich mit dem Geist an einen anderen Ort zu begeben. Die Männer heben oft beide Arme in die Höhe und halten sich irgendwo fest. Sexuelle Belästigung im Gedränge der U-Bahn ist in Japan ein grosses Problem über das kaum gesprochen wird. Doch nicht nur für die Frauen ist die problematisch. In Japan bedeutet die Anschuldigung sexueller Belästigung den Verlust der Ehre und damit oft auch den Verlust des Jobs. Ob die Anschuldigung zurecht stattgefunden hat oder nicht spielt dabei meistens keine Rolle.

Für Leute die das kaum glauben können oder mehr über die Chikan Problematik wissen möchten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Chikan

Die nun folgende Geschichte, hatte in einem genau so eine überfüllten U-Bahn Wagen ihren Anfang genommen. Am Donnerstag Abend nämlich war ich auf dem Weg nach Hause und weil es so voll war sah ich mich gezwungen meine Laptop Tasche oben auf die Gepäckablage zu legen. Das machen hier in Japan alle so, einfach weil es dadurch mehr Platz gibt. Ausserdem kann ich mir gut vorstellen, dass in dem Gedränge der Inhalt diverser Taschen Schaden nehmen könnte. Nun ja, als noch mehr Leute eingestiegen sind wurde ich dann etwas von meiner Tasche weg gedrängt ohne es zu merken und als ich aussteigen musste, habe ich sie natürlich liegen lassen. Kurz darauf habe ich das gemerkt, der Zug fuhr jedoch gerade ab und ich meldete mich umgehend beim Bahnhofpersonal. Halb englisch, halb japanisch und mithilfe vieler Gesten gelang es mir ihnen klar zu machen was sich ereignet hatte. Sie gaben mir die Zugnummer und meinten ich soll mich morgen melden.

Also ging ich nach Hause, beziehungsweise zu meiner Gastfamilie. Ohne meinen Pass, mein Geldbeutel, meine Visa Karte, meine Kamera und meine Brille. Das es doof war das alles in die Tasche zu stecken, ist mir jetzt auch bewusst geworden. Eigentlich habe ich aufgehört zu existieren. Ein enorm schlechtes Gefühl hatte ich da aber noch nicht, schliesslich ist Japan dafür bekannt, dass eigentlich kaum einmal etwas gestohlen wird. Als ich jedoch zuhause ankam und meiner Gastfamilie erzählt hab was passiert ist, befand sich das ganze Haus in heller Aufruhr. Es wurde telefoniert und diskutiert und alle machten sich sorgen. Alle dachten sie müssten mir jetzt gerade helfen, dabei war es mein Fehler.

Um am Tag darauf nach Shinjuku zu fahren musste mir meine Gastfamilie etwas Geld leihen. Diese 1’000 Yen waren an diesem Morgen alles was ich hatte und ich machte mir grosse Sorgen wie ich innert kurzer Zeit an etwas Geld kommen könnte. Als ich dann jedoch das Ticket gekauft hatte kamen etwas über 9’000 Yen zurück. Ich stellte verwundert fest das ich mich wohl getäuscht haben musste und das mir die Gastfamilie wohl 10’000 Yen gegeben haben musste, ziemlich grosszügig. Froh war ich trotzdem, schliesslich würde das für dieses Wochenende reichen.

Als ich an diesem Tag nach Hause ging begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Konnte ich das Geld der Gastfamilie aufbrauchen und später zurückzahlen? Ich hatte ein enorm schlechtes Gefühl dabei aber viel anderes blieb mir offensichtlich nicht übrig. Mir wurde auf einmal bewusst wie weit ich eigentlich von zu Hause weg bin. Als ich bei der Gastfamilie ankam waren alle etwas ruhiger und seltsamerweise optimistischer als am Tag zuvor. Sie fragen mich dann ob ich genug Geld habe. Natürlich sagte ich und fragte mich wie jemand 10’000 Yen an einem Tag aufbrauchen kann.

Am morgen darauf fragten sie erneut, natürlich sagte ich erneut, ihr habt mir doch 10’000 Yen gegeben. Da waren sie erstaunt und die Mutter guckte in ihrem Geldbeutel nach, unmöglich meinte sie dann, es können nur 1’000 gewesen sein. Was war also passiert?

Ich selbst gehe davon aus, dass mir der Automat falsches Wechselgeld gegeben hat. Schliesslich habe ich selber geglaubt die Familie hätte mir nur tausend gegeben, bis auf einmal so viel Wechselgeld herauskam. So etwas geschieht einem vielleicht einmal im Leben und mir genau an dem Tag wo ich mir vielleicht zum ersten Mal ernsthafte Sorgen um Geld gemacht habe.

Am Samstag und am Sonntag habe ich dann auch nichts von der Tasche gehört. Ich war hatte mich schon bei der Polizei gemeldet und wollte gerade bei der Botschaft wegen dem Pass anrufen als jemand eine neue Idee hatte. Das U-Bahn- und Zugsystem in Tokyo ist hochkomplex, es gibt neben den Staatlichen Betreibern mehrere private Firmen die einige wenige oder gar einzelne Linien anbieten. Jedenfalls wechselte der Zug in dem sich meine Tasche befand vom Hauptbetreiber JR zu einer dieser kleinen privaten Firma. Leider fährt nur ein geringer Teil der Züge auf der Linie mit der ich fuhr in diese Richtung und macht diesen Wechsel. Dies führte das von den Heerscharen von Leuten denen ich die Geschichte meiner Tasche erzählt habe erst nach vier Tagen jemand auf die Idee kam, dass die Tasche in einer Bahnstation dieser kleinen Firma sein könnte.

So war es dann auch. Am Montag konnte ich die Tasche abholen. Sogar das Bargeld war noch vollständig und alles andere auch vorhanden, ich fühle mich nun so komplett wie nie zuvor. Vier Tage lang habe ich mir richtig sorgen gemacht, was sonst gar nicht so meine Art ist. Ich bin auch froh, dass mein Vertrauen in die japanische Gesellschaft nicht erschüttert wurde, obwohl es natürlich immer schwarze Schafe gibt.

Eigentlich habe ich richtig viel gemacht. Am Samstag und am Sonntag hätte ich unendlich viel mega tolle Bilder machen können aber leider hatte ich die Kamera ja nicht, deshalb sinds diesmal nicht so viele Bilder. Nach dem Fund der Kamera war ich jedoch am Montag noch mit meiner Gastschwester in Ikebukuro und dort im Sunshine City Building. Ziemlich coole Bilder.


Am Dienstag habe ich dann Gastfamilie gewechselt. Da hies es Abschied nehmen von Sakura-chan.

Auf dem Weg kam ich in Yokohama vorbei.

Die Zeit im japanisch Kurs ist nun vorbei und ich beginne bald zu arbeiten. Ich freue mich richtig, auch wenn ich etwas Angst habe das mein Japanisch noch viel zu schlecht ist um eine grosse Hilfe zu sein. Die neue Familie wohnt in Hiratsuka, eine Mittelgrosse Stadt etwa eine Stunde von Tokios Zentrum entfernt. Im zweiten Weltkrieg war die Stadt Hiratsuka zum Opfer strategischer Bombardierungen geworden, welche ungefähr die Hälfte aller Häuser der Stadt komplett vernichtet haben. Dies ist heute noch erkennbar an den für Japan untypisch breiten Strassen. Besonders die Hauptrasse die von der Zugstation direkt ans Meer führt ist auffällig breit und ist sogar mit Bäumen bepflanzt. Das Haus meiner Familie liegt in der Nähe dieser Strasse und etwa zehn Minuten vom Meer weg. Wenn das Wetter besser wird soll es da wundervolle Sonnenaufgänge geben. Heute hat es geregnet und deshalb wirkt das ganze eher trisst.

Das nächste Mal gibts dann noch Fotos von meinem neuen Zimmer und der ganzen Familie. Für heute reichen jedoch die Bilder meiner zwei kleinen, neuen Schwestern erstmal. Die sind grad eben nach dem baden in mein Zimmer spaziert. Kawai. :p


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Ich bin nun erst vier Tage in Japan aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Mein Plan war die ganze Zeit über mit kleinen Abenteuern gespickt. Ich war bereits eine Stunde lang ein Samurai, habe eine traditionelle Tee Zeromie miterlebt, habe das elektronik Viertel Akihabara besucht, Sushi und Ramen gegessen und bin unendlich viel U-Bahn gefahren.

Doch vielleicht fange ich am besten ganz vorne an.

Meine erste Lektion in japanischer Genauigkeit wurde mir bereits im Flugzeug erteilt. Erstaunlicherweise kam die Crew des Austrian Airlines Flug auf einmal mitten in der Nacht auf die Idee Ramen zu servieren. Die japanische Nudelsuppe war offensichtlich ein kleines Special des Fluges nach Tokyo. Jedenfalls wurde durch dieses Ereignis mein Verhältnis zu der älteren japanischen Dame neben mir mit einem Schlag intensiviert. Nach meiner Hilfe ihren Bildschirm in Gang zu bringen und ihr Gepäck zu verstauen, sah sie nun ihre Stunde gekommen um meine Hilfe zu erwidern. Vom aufmachen der Essstäbchen bis zum ineinanderlegen von Essschale und Abfall wurde mir alles ganz genau und anschaulich erklärt. Sogar die Wegwurfstäbchen wurden aufmerksam zurück in die Papierhülle geschoben und das ende des Papiers wurde eingeknickt. Diese Liebe zu alltäglichen Gegenständen findet man in Japan in jeder noch so kleine Sache, ob diese Gegenstände seit dreisig Jahren im Haus herumstehen oder im nächsten Moment weggeworfen werden, spielt dabei keine Rolle.

Narita

Am Flughafen Narita, Nordöstlich von Tokyo war es gerade Morgen als wir ankamen. Im Mikrokosmos des Flughafens wird einem gar nicht so recht bewusst, dass man an einem ganz anderen Ort ist. Wir wurden abgeholt und fuhren dann mit der U-Bahn ins Zentrum von Tokyo wo meine Gastfamilie wartete. Bis jetzt ist mir noch kein japanisches Klischee aufgefallen, dass meine Gastfamilie nicht erfüllen würde. Ich lebe im Haus der Eltern der Familie Monai. Der Sohn und die Tochter der Familie sind beide schon etwas älter und haben selber Kinder. Trotzdem habe ich jedoch beide schon getroffen. Ich war natürlich wegen dem Jetlag enorm müde aber die Familie hatte am Freitagabend bereits Makisushi (gerollte Sushi) vorbereitet. Dabei werden alle Sushi Zutaten auf den Tisch gebracht und alle machen ihr Sushi selber, eine wirklich tolle Mahlzeit. Dazu gab es noch einige andere Gerichte, weil die Familie dachte ich mag vielleicht rohen Fisch nicht. Leider haben wir das Internet auf meinem Laptop noch nicht einrichten können, der Familie ist das überhaupt nicht recht, ich glaube sie machen sich deshalb enorme Sorgen. Noch viel grössere als ich selbst. Leider getraute ich mich doch nicht ihnen zu sagen, dass ich über zehn Freizugängliche Netzwerke im Quartier zur Verfügung habe. Nach dem Sushi essen bin ich dann schnell eingeschlafen. Schliesslich hatte ich extra in der Nacht vor dem Flug wenig geschlafen um mich an den neuen Rythmus anpassen zu können.


Als ich dann am Samstag aufgestanden bin, erwartete mich bereits ein riesiges Frühstück. Die Zeit die hier für die Zubereitung der Mahlzeiten aufgewendet wird ist gigantisch. Es gibt nicht wie bei uns jeweils ein Gericht mit meistens einer Beilage, sondern wenn alle zusammen essen fünf bis 15 kleine Teller wo immer etwas anderes dabei ist. Gegessen wird von allem ein bisschen und alles durcheinander. Eine japanische und eine westliche Variante gab es auch beim Frühstück. Inzwischen konnte ich der Familie jedoch erklären, dass ich japanisches essen mag. Die Eltern sprechen so gut wie kein Englisch, deshalb habe ich bereits viel mehr japanisch gelernt als ich erwartet hätte.

Nach dem Früstück am Samstag wollte mir der Sohn der Familie unbedingt Akihabara zeigen. Das er sich obwohl er eine Familie und zwei kleine Kinder hat, extra dafür Zeit nahm fand ich sehr beeindruckend. Japaner sind enorm neugierig was Leute aus dem Rest der Welt angeht und wirklich an allem sehr interessiert. Gleichzeitig sind sie jedoch auch sehr schüchtern, besonders im ersten Moment. Dies gilt zumindest all jene die ich bisher getroffen habe. Ausländer sind selbst in Tokyo eine gewisse Seltenheit, ausser in den grossen Touristen Regionen natürlich. In der U-Bahn schlage ich gelegentlich den Kopf an. Auf dem Weg zur U Bahn Station habe ich den ganzen Weg fotografiert, es ist ein etwa zwanzig minütiger Fussmarsch, durch recht enge Strassen die sich kaum unterscheiden und keinen geraden Verlauf haben. Ohne diese Fotos wäre ich am Abend verloren gewesen. Akihabara war super aber wir hatten natürlich zu wenig Zeit alles genau anzugucken.

Akihabara

Nach Akihabara gab es im Büro der Organisation ICYE mit der ich hier bin eine kleine Wilkommensparty für alle die in Japan einen Sozialeinsatz machen. Zuhause war ich dann wiederum sehr müde und ging gleich ins Bett.

Bei der UBahn Station Urawa in Saitama City

Lion King hats auch =D

Gestern waren wir dann an einem Festival oder vielleicht eher einer Messe internationaler Organisationen zum einen und Verbänden die sich alten japanischen Traditionen widmen zum anderen. Dort traf ich auf „echte“ Samurais und wurde selbst als einer Verkleidet. Anschliessend nahmen wir an einer traditionellen Tee Zeremonie Teil, falteten Origami und spielten mit Katanas. Als wir jedoch japanische Manderinen gegessen haben, wollte mir jemand erklären wie man richtig Manderinen schält. Dabei ist es weit herum bekannt das ich der beste Manderinenschäler bin. Ich schaffe das in einem Schritt, immer. Die Japaner auch, nur bei denen sieht die Schale am Ende aus wie ein Blume. Und das machen echt alle Japaner so. Kalligrafiert haben wir dann auch noch – erfolglos.

Fuji-San auf dem Weg nach Orawa

Nach dem Festival haben wir noch die Burg von Odawara besichtigt, das war in der Nähe des Festivals.

Sushi o.o

Blüten im vorgarten der Burg

Orawa Castle


Als ich dann gestern nach Hause kam, war auch noch die Tochter der Familie gekommen. Sie lebt eigentlich in Osaka aber ihr Mann hat ein Buisness Meeting in Tokyo also kam sie mit ihrer Tocht er zu uns. Heute hat mir die Familie dann noch voller Stolz die Altstadt von Saitama und den Tempel gezeigt.

Sakura-Chan

Icecream!!!!!

Icecream!! Icecream!!!

Rotes Sushi

Es ist wundervoll hier. Was mir am besten gefällt ist diese Friedlichkeit überall, es wird nie laut geredet, nie geschrien und nie öffentlich gestritten. Obwohl jeder Japaner ein Handy hat und davon exzessiven Gebrauch macht, wird komischerweise kaum telefoniert und wenn dann nur leise. So kommt es, das trotz diesen vielen Leute, die es oft recht eilig haben, sich alles in einem ruhigen, angenehmen Einklang befindet.

Nach all den gescheiterten Versuchen mein Leben auf 20 Kilo zu reduzieren, sitze ich nun hier und habe keine Lust mehr darüber nachzudenken was alles vergessen worden sein könnte. Ich betrachte die schwarze Nacht draussen und versuche mir das blaue Nichts vorzustellen in das ich Morgen hinein fliegen werde. Der Sonne entgegen und anschliessend weg von ihr. Ich bin irgendwie müde, aufgewühlt und zappelig zugleich.

Ich gehe weg. Für eine kalkulierbare Weile, um zu sehen wie es dort so ist. Um mich zu verlieren und um Kirschblüten zu zählen. Oder so.

Jedenfalls nehme ich Abschied von allem, trinke mein letztes Glas Milch und esse das letzte Darvida. Nehme Abschied von allem was im Koffer keinen Platz mehr hatte, meinen armen Stofftieren die alle restlos zurückbleiben und hoffentlich auch bald von der SBB. Und auch von euch. Ich gehe nach Japan für eine gewisse Zeit, für sechs Monate. Ich werde euch hier schreiben, genau in diesem pseudo- depressiv, ironisch-melancholischen Stil.

Dies darf als Drohung verstanden werden.

Sayonara

1

Er stand da vor ihrer Tür. Er stand da ohne Blumen, ohne zurechtgelegte Worte und ohne zu wissen was er eigentlich erwartete oder wollte.

Er wusste nur dass es regnen würde.

Ein heisser, sonniger Sommertag war es gewesen. Ein schwüler, erdrückender Abend voller schwarzer Wolken war es dann geworden.

Ja. Genau das hatte ihn wieder hierhin geführt. Die Erinnerung, an das was sie zusammen einmal hatten.

Er stand da ohne Schuhe.

Er klopfte.

Nach einem kurzen Moment der sich ewig anfühlte wollte er sich gerade umdrehen und gehen.

Sie öffnete die Tür. Sie sagte nichts.

Er stand da.

Die meisten Frauen hätten jetzt viele Fragen gestellt, hätten wissen wollen warum er hier wäre nach so langer Zeit und warum er sich nicht gemeldet hätte. Sie wären mit einer Flut aus Neugierde, Freude und Wut über ihn hereingestürmt. Viele hätten ihn hereingebeten, einige auch weggejagt.

Doch sie sagte nichts. Sie sah ihn lange an, mitten in die Augen. Kein Lächeln nur ein wenig Verletztheit das er gegangen war und ein bisschen Freude über das wiedersehen.

Sie wusste warum er hier war.

Er hatte keine Ahnung.

Man hörte wie die ersten, einzelnen Regentropfen des Sommergewitters auf dem Asphalt aufschlugen und man roch den teerigen Duft ihres Dampfes.

Er versuchte zu lächeln. Doch eigentlich stand er immer noch nur da.

Sie zuckte die Schultern und zog Hausschuhe sowie Socken aus.

Er stand da und streckte die Hand aus.

Sie nahm seine Hand und lief mit ihm mitten hinein in den Sommerregen.

2

Der Sommerregen war für kurze Zeit zum Gewitter geworden, um kurz darauf ein Sturm zu werden. Blitze um sich schleudernd und betäubend donnernd war er danach einfach plötzlich verschwunden, wie er es so an sich hat an manchen Tagen.

So standen sie dort, in der Mitte dieser riesigen Wiese.

Sie die sich so viel und nichts zu sagen hatten.

Im Regen hatte sie seine Hand losgelassen, war weggerannt um sich einholen zu lassen. Sich versteckt um gefunden zu werden, sich von ihm gelöst um umarmt zu werden.

Doch nun standen sie einfach da.

Die Sonne kam hinter einer dicken Regenwolke hervor, stolz war sie einmal mehr den Sieg davongetragen zu haben.

Sie war so perfekt. Er wusste das, jeder wusste es. Ein Engel, nach dem Regen mit durchnässtem Haar, das den wiedergekehrten Sonnenschein reflektierte und glänzte.

Er wusste nicht wieso er gegangen war und konnte nicht sagen warum er wiederkam.

Sie wusste das. Sie wusste so viel mehr über ihn als er je wissen würde.

Er stand nur da.

Unter dem hohen Gras der Wiese hatte sich die Erde in Lehmigen Matsch verwandelt aus der Wasser hervorquoll wann immer man darauf stand.

Plötzlich durchbrach sie die Stille und meinte dass sie nach Hause gehen sollten.

Er nickte.

Nach Hause? Ihr zu Hause? Seins? Zusammen oder allein?

Er ging nur neben ihr. Redete über das Wetter und die Vögel. Er erzählte ihr inhaltslose Dinge und sie lächelte darüber ohne glücklich zu sein.

Er fragte ob er kochen soll. Sie sagte ja.

Sie wusste dass sie ohne ihn nicht mehr Leben konnte und er wusste gar nichts.

Er wusste nur dass er wiedergekommen war und er wusste dass dies etwas zu bedeuten hatte.

Sie versuchte zu vergessen was.

3

Er hatte Freunde die in Mittelalter Clubs und Sience Fiction Vereinigungen mitmachten, sich deshalb regelmässig zu Rollenspiel Events trafen um gemeinsam, irgendwo in einem Wald oder unbenutzten Kellerräumen, Abenteuer zu erleben oder ihre  Weltraumschlachten zu schlagen. Andere Freunde von ihm gingen einmal am Tag ins Fitnessstudio, um sich mit Anabolika und Steroiden voll zu dröhnen nur um danach im Spiegel den Muskeln quasi beim Wachsen zusehen zu können. Er kannte Leute die Tag und Nacht mit Videospielen verbrachten und andere die obwohl sie gleich alt waren wie er immer noch daran glaubten einmal Basketballstar zu werden. Andere bauten Modelleisenbahnen oder hielten Ausschau nach Alien Funksprüchen. Alles Leute die sich selbst ernst nahmen.

Er beneidete sie alle ein wenig. Neid darauf dass diese Menschen irgendetwas hatte was ihr Leben auszufüllen schien und ihnen das Gefühl gab wichtig zu sein. Etwas was für sie alle die verlorene Religion dieser Gesellschaft ersetzte. Obwohl er vieles erlebt hatte, musste er sich eingestehen nie so etwas gehabt zu haben.

Bis vor einigen Jahren.

Ein Mann ohne grosse Träume, der trotzdem stets davon ausgegangen war irgendwann die Welt verändern zu werden. Heute entlockte ihm jener Gedanke nur noch ein müdes Lächeln, die Welt verändern…

Bald.

Er stand da und putzte das Gemüse.

Karotten, Rübenkohl und Broccoli. Er dämpfte alles nur kurz in ein wenig heisser Brühe, so dass es schön bissfest blieb, denn sie hasste matschiges Essen. Sie hatte kein Fleisch im Haus gehabt, deshalb gab es einfach Teigwaren und eine Pilzsauce, mit dem Gemüse eben.

Er fragte sich warum sie nicht zu ihm gegangen waren.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer um den Tisch zu decken sah er sie auf ihrem alten Polstersessel vor dem nicht brennenden Kamin sitzen. Sie hatte die Lesebrille mit dem grossen schwarzen Rahmen auf und las in einem Buch, er stellte einmal fest dass er es aus irgendeinem Grund mochte wenn sie diese Brille trug.

Wieso wusste er nicht.

Er stellte fest dass ihr alter Eichenparkettboden immer noch an derselben Stelle fürchterlich knarrte. Sie sah auf und lächelte, er lächelte ebenfalls und stellte fest das man jetzt essen könne.

So sassen sie dann da, sie rühmte sein Essen und er wusste das sie dies auch getan hätte wenn es schlecht gewesen wäre, musste sich jedoch eingestehen das ihm mit den wenigen Dingen ein recht gutes Abendessen gelungen war. Nur Wein für die Pilzsauce hatte er keinen finden können.

Er goss sich und ihr Wasser nach.

Sie hatte eigentlich sowieso nie Alkohol im Haus.

Er eigentlich auch nur selten.

War ich dir eigentlich nie zu normal?

Sie lachte, du? Normal? Wie kommst du darauf?

Er stellte mit Erstaunen fest wie verlegen ihn ihre Amüsiertheit machte. Er versuchte sich zu erklären und scheiterte.

Sie lächelte erneut.

Du warst einfach nicht da. Dein einziges Problem war das du einfach nicht mehr da warst.

Er wusste das und verfluchte erneut die Umstände die ihn dazu gebracht hatten einfach so zu verschwinden. Umstände die er ihr niemals einfach würde erklären können, die er all den Frauen vor ihr auch nicht hatte erklären können. Die Umstände die normalerweise der Grund waren wieso er nicht zurückkehrte, doch diesmal hatte er es getan.

Alles wegen ein bisschen Sommerregen.

4

Er ging nach Hause.

Es hatte wieder ein kleines bisschen angefangen zu Regnen, Blitze und Donner hörte man jedoch nur noch aus der Ferne. Nachts hatte dieser Regen auf einmal etwas sehr melancholisches. Sein Haar war heute nie trocken gewesen, seit…

Er ging nach Hause, allein.

Natürlich hätte er auch den Bus nehmen können, doch er mochte es überaus gerne zu Fuss nach Hause zu kommen. Denn so konnte er über viele Dinge nachdenken. Manche Leute sagten ihm immer wieder jenes nachdenken sei nicht gut für ihn. Sie sagten er denke über zu viele Dinge nach, er müsse lernen so manches einfach zu akzeptieren.

Er dachte daran all seine Freunde auf einmal an einem Ort zu versammeln, er dachte darüber nach wer sich wohl besonders schlecht mit wem verstehen würde. Natürlich wollte er das nicht wirklich tun, er mochte nur den Gedanken wirklich alle Leute mit denen er je gut ausgekommen war zusammen zu sehen, keiner würde absagen, in dieser Vorstellung.

Er lächelte und bog in eine Seitenstrasse.

In der Realität würde kaum ein Drittel tatsächlich erscheinen.

Aber sie würde da sein. Er würde sich nur auf sie konzentrieren und alle anderen vergessen, wer wollte das schon?

Es war schon so gewesen als er sie das erste Mal gesehen hatte aber bei ihm war das bei vielen Frauen so wenn er sie das erste Mal sah. Das besondere war viel mehr das es länger angehalten hatte.

Er ging die ganze Hauptgasse hinunter und verfolgte das wilde Treiben des fliessenden Regenwassers auf der Strasse. Es erinnerte ihn an etwas, was vor längerer Zeit durch die Gassen einer anderen Stadt geflossen war.

Es war sein Beruf, wenn man das überhaupt so nennen konnte.

Sein Beruf hatte ihn ständig von ihr weggetrieben und von allen anderen die er sowieso nicht hatte wiedersehen wollen. Doch bei ihr tat es ihm leid. Alle anderen redeten dauernd über Häuser die man doch kaufen sollte, Kinder die man haben müsse und Kirchen in denen man heiraten sollte. Er wollte das grundsätzlich auch, doch irgendwie kam es ihm nicht richtig vor, noch nicht.

Sie lies ihm Zeit.

Er war noch nicht viel mehr als das Kind, von dem die anderen Leute ihm sagten er sei es einmal gewesen.

Er erreichte seine Wohnung und schloss die Tür auf.

Ein richtig schlechter Mensch war er nicht, ein richtig guter auch nicht. Er glaubte ohnehin nicht an gute oder schlechte Menschen, eigentlich nicht einmal an gute oder schlechte Taten.Doch viele Menschen taten das und dies war der Grund warum er tat was er tat.

Er hängte seine Jacke über den Stuhl wie er es jeden Tag tat. Dann ging er ins Wohnzimmer, schenkte dem dort hängenden Symbol für einen Gescheiterten Freiheitskampf oder eine Revolution mit blutigem Ausgang ein Müdes Lächeln. Dieser junge Mann der dort mit seinen Einkaufstaschen vor einer Reihe Panzern stand und keinen Anschein machte sich zu bewegen, hatte auf der einen Seite den grösstmöglichen Respekt verdient den ein Mensch je erreichen konnte. Auf der anderen Seite erinnerte er ihn manchmal an ihn selbst. Er motivierte ihn jeden Morgen aufzustehen und das weiterzumachen was er tat.

Das tat der Tankman wohl für so einige Leute.

Er nahm eine Dusche, diesmal warm.

Bevor er sich schlafen legte verfolgte ihn vor allem der Gedanke, ob sie ihn von dem abhielt was er tat. Es dauerte eine Weile, doch schliesslich löste er sich von seinem Computer Bildschirm und legte sich schlafen.

Wie lange es gedauert hatte bis er einschlief, hatte er am nächsten Tag wie die meisten Menschen in solchen Fällen schön längst vergessen.

5

Bis die beiden sich wiedersahen, sollte eine ganze Woche vergehen.

Er hatte viel zu tun, redete er sich zumindest ein und es war heiss gewesen. Wenn es heiss war fühlte er sich immer sehr träge. Nach der Arbeit kam er jeweils in seine kleine Wohnung und war nicht fähig irgendetwas Wichtigeres zu erledigen. Er schlief jedoch auch nicht viel.

Da sass er also, vor dem Telefonhörer im Wohnzimmer.

Er hatte kein Mobiltelefon für private Zwecke. Ihm erschien der Gedanke enorm unromantisch den ganzen Tag erreichbar zu sein, auf der Arbeit jedoch war es unausweichlich geworden. Leuten die er nicht von der Arbeit kannte gab er jedoch einfach die Nummer nicht, es waren ohnehin nicht viele.

Er überlegte was er ihr sagen sollte. Ob er nicht einfach die Wahrheit erzählen sollte.

Er war weit gereist und hatte viele Menschen kennengelernt und auch wieder vergessen. Irgendwann hatte er jedoch, praktisch am Ende der Welt seinen Cousin Jean getroffen. Dieser war durch die Gründung eines sehr modernen Unternehmens sehr reich geworden. Weil er sich immer gut mit Jean verstanden hatte, verbrachten die beiden von da an viel Zeit miteinander.

Sie hatten viele neue Ideen und plötzlich viel Geld um etwas mit ihnen anzufangen.

Die Ideale der Menschen musst du heutzutage kaufen, wie alles andere.

Jean dachte genauso schlecht über die Welt wie er selbst. Manchmal erinnerte Jean ihn an Tyler Durden oder V. An jemanden dem man tatsächlich glaubte er könne alles verändern.

Jetzt arbeitete er für seinen Cousin, als so eine Art persönlichen Manager oder Butler. Gleichzeitig war er jedoch auch sein Vertrauter, der dafür sorgte das die Unternehmung sowie auch ihre gemeinsame Organisation, die sich stets am Rang der Legalität bewegte zumindest nach aussen ein gutes Bild abgab.

Robin Hood hielt sich schliesslich auch nicht an Gesetze.

Menschen zu helfen war immer sein Traum gewesen, seine Vision. In seiner Heimat hatte er sich jedoch stets sehr eingeengt gefühlt. Irgendwann war er einfach gegangen, ohne vielen viel zu sagen. Nur einigen recht wenig. Jetzt war er hier, seinen Traum hatte er auf der einen Seite aufgegeben, auf der anderen verfolgte er ihn eigentlich jeden Tag.

Aus dem helfen vieler Menschen war das dienen einiger wenigen geworden, mit der Hoffnung damit vieles zu verändern.

Er nahm den Hörer und wählte ihre Nummer.

Sie war irgendwie anders, wenn auch im Grunde genommen ähnlich. Sie hatte seine grossen Träume nie geteilt oder sie dachte einfach weniger  grossflächig. Im Gegensatz zu ihm hatte sie sich stets eingestanden dass man die Welt nicht verändern konnte, doch trotzdem half sie allen Menschen die sie traf in ihrem Alltag. Ihren Nachbarn und Freunden, manchmal glaubte er sie war sich dessen vielleicht gar nicht so recht bewusst.

Er hatte dies nie getan, jenen Menschen die ihm eigentlich sehr nahe standen hatte er nie besonders viel geholfen, er war zwar immer freundlich aber gleichzeitig sehr distanziert und zurückhaltend.

Sie war herzlicher, hatte er zumindest geglaubt.

Er war nicht gut am Telefon, es machte ihn sehr nervös es benutzen zu müssen. Es gab immer diese ekelhaften Pausen wenn niemand was sagte und dann konnte man nicht einmal lächeln. Für Private Dinge benutzte er es nur wenn es wirklich nicht anders ging. Oft ging er gar nicht ran wenn er Zuhause war und jemand anrief.

Hallo ich bin nicht Zuhause, hinterlasse eine Nachricht oder ruf später wieder an.

Hey, hm… Ich hab an dich gedacht. Ja, eigentlich denke ich die ganze Zeit an dich. Ich werde heute in den Park gehen, ist ein schöner Tag. Ja, ein wirklich schöner Tag, nach der Arbeit werde ich in den Park gehen, ich sitze immer noch am selben Platz. Vielleicht kommst du ja vorbei, bis dann.

Er legte auf.

Fühlte sich elend an.

6

Er kam sich vor wie der verdammte Stauffenberg, wobei jener wenigstens gewusst hatte was er tat oder tun wollte.

Er sass auf seiner Bank im Park und starrte auf den kleinen See hinaus. Ein kleiner Junge warf in der Nähe Steine in das ansonsten ruhige Wasser.

Gestern Nacht war ihm alles klar geworden. Wieso sie plötzlich hierher gekommen waren, wieso er plötzlich mehr Freizeit bekommen hatte und das alles war tat von jemand anderem längst geplant gewesen war.

Plötzlich wurde ihm bewusst wie klein er war. Sie hatten es ihn selber herausfinden lassen, warscheinlich damit er sich nicht über irgendjemanden aufregen würde. Plötzlich fragte er sich wie viel Jean darüber wusste.

Egal. Alles war ohne Irrelevant geworden.

Mitten in der Nacht war er aufgestanden und hatte den Computer angemacht, mitten in der Nacht hatte er herausgefunden was sie alles gewusst hatte.

Er hatte sie unterschätzt. Niemals hätte er geglaubt dass sie irgendetwas herazsgefunden hatte.

Zu viel. Es war zu kurz davor um etwas anderes zu tun als dies. Zu viel, zu späht.

Er sah sie schon von weitem.

Sie schien keine Angst zu haben, näherte sich leichten Schrittes und setzte sich neben ihn. Ihr Gesicht zeigte kaum Gefühle, wie immer.

Sie legte seine Hand auf seine und fragte ihn ob er nur deshalb gekommen sei.

Er spürte wie er blasser und blasser wurde, wie sich seine Kehle zusammenzog.

Sie erklärte sie könnten doch einfach weggehen von dem allem, sie könnten weit weg gehen und ein normales Leben führen.

Er sagte nichts, er konnte nicht.

Sie sprach davon dass sie kaum jemandem erzählt hatte was sie wusste und niemals etwas davon in ihrer Zeitung schreiben würde.

Er fragte sie warum sie hierher gekommen sei. Er blickte in ihre dunklen, wundervollen Augen hinein und fragte wütend warum sie nicht einfach habe verschwinden können. Warum sie gewartet hatte obwohl sie wusste wer er wirklich war und warum sie…

Sie lächelte stumm und strich eine Strähne seines schweissnassen Haars aus seiner Stirn. Ich liebe dich, ich habe dich immer geliebt. Ich weiss was ich weiss nur weil ich wissen wollte was aus dir geworden war.

Ein verdammter Terrorist.

Eine Träne in ihren Augen.

Wir werden einen gewaltigen Umsturz herbeiführen, wir werden alles verändern was einmal war, wir werden verändern wie es einmal sein wird. Ich bin nur ein Blatt im Wind, genau wie du. Doch dies ist meine Vision, dies ist mein Leben. Du weisst das.

Sie küsste ihn.

Er roch ihren Duft, fühlte ihren Körper, sie war überall um ihn herum.

Sie hielt inne und fragte ob es weh tun würde.

Er erklärte ihr sie sei bereits tot seit sie sich gesetzt habe, das Gift beginne in einigen Minuten zu wirken. Sie würde einfach einschlafen.

Sie lächelte. Werde glücklich.

Er bereute nur ihr nie gesagt zu haben dass er nicht deshalb wiedergekommen war.

Als ihre Leiche auf dem Grund des Flusses geborgen wurde, war er längst in einem Land weit weg von dort, mit Frauen ganz anders als sie.

Um zu vergessen.

Er kam sich vor wie der verdammte Stauffenberg, wobei jener wenigstens gewusst hatte was er tat oder tun wollte.

Er sass auf seiner Bank im Park und starrte auf den kleinen See hinaus. Ein kleiner Junge warf in der Nähe Steine in das ansonsten ruhige Wasser.

Gestern Nacht wurde ihm alles klar. Wieso sie plötzlich hierher gekommen waren, wieso er plötzlich mehr Freizeit bekommen hatte und das alles war tat von jemand anderem längst geplant gewesen war.

Plötzlich wurde ihm bewusst wie klein er war.

Er hatte sie unterschätzt. Niemals hätte er geglaubt dass sie irgendetwas wissen konnte.

Mitten in der Nacht war er aufgestanden und hatte den Computer angemacht, mitten in der Nacht hatte er herausgefunden was sie alles herausgefunden hatte.

Zu viel. Es war zu kurz davor um etwas anderes zu tun als dies. Zu viel, zu späht.

Er sah sie schon von weitem.

Sie schien keine Angst zu haben, näherte sich leichten Schrittes und setzte sich neben ihn. Ihr Gesicht zeigte kaum Gefühle, wie immer.

Sie legte seine Hand auf seine und fragte ihn ob er nur deshalb gekommen sei.

Er spürte wie er blasser und blasser wurde, wie sich seine Kehle zusammenzog.

Sie erklärte sie könnten doch einfach weggehen von dem allem, sie könnten weit weg gehen und ein normales Leben führen.

Er sagte nichts, er konnte nicht.

Sie sprach davon dass sie kaum jemandem erzählt hatte was sie wusste und niemals etwas davon in ihrer Zeitung schreiben würde.

Er fragte sie warum sie hierher gekommen sei. Er blickte in ihre dunklen, wundervollen Augen hinein und fragte wütend warum sie nicht einfach habe verschwinden können. Warum sie gewartet hatte obwohl sie wusste wer er wirklich war und warum sie…

Sie lächelte stumm und strich eine Strähne seines schweissnassen Haars aus seiner Stirn. Ich liebe dich, ich habe dich immer geliebt. Ich weiss was ich weiss nur weil ich wissen wollte was aus dir geworden war.

Ein verdammter Terrorist.

Wir werden einen gewaltigen Umsturz herbeiführen, wir werden alles verändern was einmal war, wir werden verändern wie es einmal sein wird. Ich bin nur ein Blatt im Wind, genau wie du. Doch dies ist meine Vision, dies ist mein Leben. Du weisst das.

Sie küsste ihn.

Er roch ihren Duft, fühlte ihren Körper, sie war überall um ihn herum.

Sie hielt inne und fragte ob es weh tun würde.

Er erklärte ihr sie sei bereits tot seit sie sich gesetzt habe, das Gift beginne in einigen Minuten zu wirken. Sie würde einfach einschlafen.

Sie lächelte. Werde glücklich.

Er bereute nur ihr nie gesagt zu haben dass er nicht deshalb wiedergekommen war.

Als ihre Leiche auf dem Grund des Flusses geborgen wurde, war er längst in einem Land weit weg von dort, mit Frauen ganz anders als sie.

Um zu vergessen.

Dies ist ein Kapitel der abgeschlossenen Kurzgeschichte Wiederkehr im Sommerregen

Bis die beiden sich wiedersahen verging eine ganze Woche.

Er hatte viel zu tun, redete er sich zumindest ein und es war heiss gewesen. Wenn es heiss war fühlte er sich immer sehr träge. Nach der Arbeit kam er jeweils in seine kleine Wohnung und war nicht fähig irgendetwas Wichtigeres zu erledigen. Er schlief jedoch auch nicht viel.

Da sass er also, vor dem Telefonhörer im Wohnzimmer.

Er hatte kein Mobiltelefon für private Zwecke. Ihm erschien der Gedanke enorm unromantisch den ganzen Tag erreichbar zu sein, auf der Arbeit jedoch war es unausweichlich geworden. Leuten die er nicht von der Arbeit kannte gab er jedoch einfach die Nummer nicht, es waren ohnehin nicht viele.

Er überlegte was er ihr sagen sollte.

Er war weit gereist und hatte viele Menschen kennengelernt und auch wieder vergessen. Irgendwann hatte er jedoch, praktisch am Ende der Welt seinen Cousin Jean getroffen. Dieser war durch die Gründung eines sehr modernen Unternehmens sehr reich geworden. Weil er sich immer gut mit Jean verstanden hatte, verbrachten die beiden von da an viel Zeit miteinander.

Jetzt arbeitete er für seinen Cousin, als so eine Art persönlichen Manager oder Butler. Gleichzeitig war er jedoch auch sein Vertrauter, der dafür sorgte das die Unternehmung sowie auch ihre gemeinsame Organisation, die sich stets am Rang der Legalität bewegte zumindest nach aussen ein gutes Bild abgab.

Robin Hood hielt sich schliesslich auch nicht an Gesetze.

Menschen zu helfen war immer sein Traum gewesen, seine Vision. In seiner Heimat hatte er sich jedoch stets sehr eingeengt gefühlt. Irgendwann war er einfach gegangen, ohne vielen viel zu sagen. Nur einigen recht wenig. Jetzt war er hier, seinen Traum hatte er auf der einen Seite aufgegeben, auf der anderen verfolgte er ihn eigentlich jeden Tag.

Aus dem helfen vieler Menschen war das dienen einiger wenigen geworden, mit der Hoffnung damit vieles zu verändern.

Er nahm den Hörer und wählte ihre Nummer.

Sie war irgendwie anders, wenn auch im Grunde genommen ähnlich. Sie hatte seine grossen Träume nie geteilt oder sie dachte einfach weniger  grossflächig. Im Gegensatz zu ihm hatte sie sich stets eingestanden dass man die Welt nicht verändern konnte, doch trotzdem half sie allen Menschen die sie traf in ihrem Alltag. Ihren Nachbarn und Freunden, manchmal glaubte er sie war sich dessen vielleicht gar nicht so recht bewusst.

Er hatte dies nie getan, jenen Menschen die ihm eigentlich sehr nahe standen hatte er nie besonders viel geholfen, er war zwar immer freundlich aber gleichzeitig sehr distanziert und zurückhaltend.

Sie war herzlicher, hatte er zumindest geglaubt.

Er war nicht gut am Telefon, es machte ihn sehr nervös es benutzen zu müssen. Es gab immer diese ekelhaften Pausen wenn niemand was sagte und dann konnte man nicht einmal lächeln. Für Private Dinge benutzte er es nur wenn es wirklich nicht anders ging. Oft ging er gar nicht ran wenn er Zuhause war und jemand anrief.

Hallo ich bin nicht Zuhause, hinterlasse eine Nachricht oder ruf später wieder an.

Hey, hm… Ich hab an dich gedacht. Ja, eigentlich denke ich die ganze Zeit an dich. Ich werde heute in den Park gehen, ist ein schöner Tag. Ja, ein wirklich schöner Tag, nach der Arbeit werde ich in den Park gehen, ich sitze immer noch am selben Platz. Vielleicht kommst du ja vorbei, bis dann.

Er legte auf.

Dies ist ein Kapitel der abgeschlossenen Kurzgeschichte Wiederkehr im Sommerregen

Er ging nach Hause.

Es hatte wieder ein kleines bisschen angefangen zu Regnen, Blitze und Donner hörte man jedoch nur noch aus der Ferne. Nachts hatte dieser Regen auf einmal etwas sehr melancholisches. Sein Haar war heute nie trocken gewesen, seit…

Er ging nach Hause, allein.

Natürlich hätte er auch den Bus nehmen können, doch er mochte es überaus gerne zu Fuss nach Hause zu kommen. Denn so konnte er über viele Dinge nachdenken. Manche Leute sagten ihm immer wieder jenes nachdenken sei nicht gut für ihn. Sie sagten er denke über zu viele Dinge nach, er müsse lernen so manches einfach zu akzeptieren.

Er dachte daran all seine Freunde auf einmal an einem Ort zu versammeln, er dachte darüber nach wer sich wohl besonders schlecht mit wem verstehen würde. Natürlich wollte er das nicht wirklich tun, er mochte nur den Gedanken wirklich alle Leute mit denen er je gut ausgekommen war zusammen zu sehen, keiner würde absagen, in dieser Vorstellung.

Er lächelte und bog in eine Seitenstrasse.

In der Realität würde kaum ein Drittel tatsächlich erscheinen.

Aber sie würde da sein. Er würde sich nur auf sie konzentrieren und alle anderen vergessen, wer wollte das schon?

Es war schon so gewesen als er sie das erste Mal gesehen hatte aber bei ihm war das bei vielen Frauen so wenn er sie das erste Mal sah. Das besondere war viel mehr das es länger angehalten hatte.

Er ging die ganze Hauptgasse hinunter und verfolgte das wilde Treiben des fliessenden Regenwassers auf der Strasse. Es erinnerte ihn an etwas, was vor längerer Zeit durch die Gassen einer anderen Stadt geflossen war.

Es war sein Beruf. Sein Beruf hatte ihn ständig von ihr weggetrieben und von allen anderen die er sowieso  nicht hatte wiedersehen wollen. Doch bei ihr tat es ihm leid. Alle anderen redeten dauernd über Häuser die man doch kaufen sollte, Kinder die man haben müsse und Kirchen in denen man heiraten sollte. Er wollte das grundsätzlich auch, doch irgendwie kam es ihm nicht richtig vor, noch nicht.

Sie lies ihm Zeit.

Er war noch nicht viel mehr als das Kind, von dem die anderen Leute ihm sagten er sei es einmal gewesen.

Er erreichte seine Wohnung und schloss die Tür auf.

Ein richtig schlechter Mensch war er nicht, ein richtig guter auch nicht. Er glaubte ohnehin nicht an gute oder schlechte Menschen, eigentlich nicht einmal an gute oder schlechte Taten. Doch viele Menschen taten das und dies war der Grund warum er tat was er tat: Er half Leuten.

Er hängte seine Jacke über den Stuhl wie er es jeden Tag tat. Dann ging er ins Wohnzimmer, schenkte dem dort hängenden Symbol für einen Gescheiterten Freiheitskampf oder eine Revolution mit blutigem Ausgang ein Müdes Lächeln. Dieser junge Mann der dort mit seinen Einkaufstaschen vor einer Reihe Panzern stand und keinen Anschein machte sich zu bewegen, hatte auf der einen Seite den grösstmöglichen Respekt verdient den ein Mensch je erreichen konnte. Auf der anderen Seite erinnerte er ihn manchmal an ihn selbst. Er motivierte ihn jeden Morgen aufzustehen und das weiterzumachen was er tat.

Das tat der Tankman wohl für so einige Leute.

Er nahm eine Dusche, diesmal warm.

Bevor er sich schlafen legte verfolgte ihn vor allem der Gedanke, ob sie ihn von dem abhielt was er tat. Es dauerte eine Weile, doch schliesslich löste er sich von seinem Computer Bildschirm und legte sich schlafen.

Wie lange es gedauert hatte bis er einschlief, hatte er am nächsten Tag wie die meisten Menschen in solchen Fällen schön längst vergessen.

Dies ist ein Kapitel der abgeschlossenen Kurzgeschichte Wiederkehr im Sommerregen

Er hatte Freunde die in Mittelalter Clubs und Sience Fiction Vereinigungen mitmachten, sich deshalb regelmässig zu Rollenspiel Events trafen um gemeinsam, irgendwo in einem Wald oder unbenutzten Kellerräumen, Abenteuer zu erleben oder ihre  Weltraumschlachten zu schlagen. Andere Freunde von ihm gingen einmal am Tag ins Fitnessstudio, um sich mit Anabolika und Steroiden voll zu dröhnen nur um danach im Spiegel den Muskeln quasi beim Wachsen zusehen zu können. Er kannte Leute die Tag und Nacht mit Videospielen verbrachten und andere die obwohl sie gleich alt waren wie er immer noch daran glaubten einmal Basketballstar zu werden. Andere bauten Modelleisenbahnen oder hielten Ausschau nach Alien Funksprüchen. Alles Leute die sich selbst ernst nahmen.

Er beneidete sie alle ein wenig. Neid darauf dass diese Menschen irgendetwas hatte was ihr Leben auszufüllen schien und ihnen das Gefühl gab wichtig zu sein. Etwas was für sie alle die verlorene Religion dieser Gesellschaft ersetzte. Obwohl er vieles erlebt hatte, musste er sich eingestehen nie so etwas gehabt zu haben.

Ein Mann ohne grosse Träume, der trotzdem stets davon ausgegangen war irgendwann die Welt verändern zu werden. Heute entlockte ihm jener Gedanke nur noch ein müdes Lächeln, die Welt verändern…

Er stand da und putzte das Gemüse.

Karotten, Rübenkohl und Broccoli. Er dämpfte alles nur kurz in ein wenig heisser Brühe, so dass es schön bissfest blieb, denn sie hasste matschiges Essen. Sie hatte kein Fleisch im Haus gehabt, deshalb gab es einfach Teigwaren und eine Pilzsauce, mit dem Gemüse eben.

Er fragte sich warum sie nicht zu ihm gegangen waren.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer um den Tisch zu decken sah er sie auf ihrem alten Polstersessel vor dem nicht brennenden Kamin sitzen. Sie hatte die Lesebrille mit dem grossen schwarzen Rahmen auf und las in einem Buch, er stellte einmal fest dass er es aus irgendeinem Grund mochte wenn sie diese Brille trug. Wieso wusste er nicht.

Er stellte fest dass ihr alter Eichenparkettboden immer noch an derselben Stelle fürchterlich knarrte. Sie sah auf und lächelte, er lächelte ebenfalls und stellte fest das man jetzt essen könne.

So sassen sie dann da, sie rühmte sein Essen und er wusste das sie dies auch getan hätte wenn es schlecht gewesen wäre, musste sich jedoch eingestehen das ihm mit den wenigen Dingen ein recht gutes Abendessen gelungen war. Nur Wein für die Pilzsauce hatte er keinen finden können.

Er goss sich und ihr Wasser nach.

Sie hatte eigentlich sowieso nie Alkohol im Haus.

Er eigentlich auch nur selten.

War ich dir eigentlich nie zu normal?

Sie lachte, du? Normal? Wie kommst du darauf?

Er stellte mit Erstaunen fest wie verlegen ihn ihre Amüsiertheit machte. Er versuchte sich zu erklären und scheiterte.

Sie lächelte erneut.

Du warst einfach nicht da. Dein einziges Problem war das du einfach nicht mehr da warst.

Er wusste das und verfluchte erneut die Umstände die ihn dazu gebracht hatten einfach so zu verschwinden. Umstände die er ihr niemals einfach würde erklären können, die er all den Frauen vor ihr auch nicht hatte erklären können. Die Umstände die normalerweise der Grund waren wieso er nicht zurückkehrte, doch diesmal hatte er es getan.

Alles wegen ein bisschen Sommerregen.

Dies ist ein Kapitel der abgeschlossenen Kurzgeschichte Wiederkehr im Sommerregen

Fortsetzung von Er stand da. Sie sagte nichts.

Der Sommerregen war für kurze Zeit zum Gewitter geworden, um kurz darauf ein Sturm zu werden. Blitze um sich schleudernd und betäubend donnernd war er danach einfach plötzlich verschwunden, wie er es so an sich hat an manchen Tagen.

So standen sie dort, in der Mitte dieser riesigen Wiese.

Sie die sich so viel und nichts zu sagen hatten.

Im Regen war hatte sie seine Hand losgelassen, war weggerannt um sich einholen zu lassen. Sich versteckt um gefunden zu werden, sich von ihm gelöst um umarmt zu werden.

Doch nun standen sie einfach da.

Die Sonne kam hinter einer dicken Regenwolke hervor, stolz war sie einmal mehr den Sieg davongetragen zu haben.

Sie war so perfekt. Er wusste das, jeder wusste es. Ein Engel, nach dem Regen mit durchnässtem Haar, das den wiedergekehrten Sonnenschein reflektierte und glänzte.

Er wusste nicht wieso er gegangen war und konnte nicht sagen warum er wiederkam.

Sie wusste das. Sie wusste so viel mehr über ihn als er je wissen würde.

Er stand nur da.

Unter dem hohen Gras der Wiese hatte sich die Erde in Lehmigen Matsch verwandelt aus der Wasser hervorquoll wann immer man darauf stand.

Plötzlich durchbrach sie die Stille und meinte dass sie nach Hause gehen sollten.

Er nickte.

Nach Hause? Ihr zu Hause? Seins? Zusammen oder allein?

Er ging nur neben ihr. Redete über das Wetter und die Vögel. Er erzählte ihr inhaltslose Dinge und sie lächelte darüber ohne glücklich zu sein.

Er fragte ob er kochen soll. Sie sagte ja.

Sie wusste dass sie ohne ihn nicht mehr Leben konnte und er wusste gar nichts.

Er wusste nur dass er wiedergekommen war und er wusste dass dies etwas zu bedeuten hatte.

Sie hoffte zu wissen was.

Fortgesetzt in Alles wegen ein bisschen Sommerregen.

Er stand da vor ihrer Tür. Er stand da ohne Blumen, ohne zurechtgelegte Worte und ohne zu wissen was er eigentlich erwartete oder wollte.

Er wusste nur dass es regnen würde.

Ein heisser, sonniger Sommertag war es gewesen. Ein schwüler, erdrückender Abend voller schwarzer Wolken war es dann geworden.

Ja. Genau das hatte ihn wieder hierhin geführt. Die Erinnerung, an das was sie zusammen einmal hatten.

Er stand da ohne Schuhe.

Er klopfte.

Nach einem kurzen Moment der sich ewig anfühlte wollte er sich gerade umdrehen und gehen.

Sie öffnete die Tür. Sie sagte nichts.

Er stand da.

Die meisten Frauen hätten jetzt viele Fragen gestellt, hätten wissen wollen warum er hier wäre nach so langer Zeit und warum er sich nicht gemeldet hätte. Sie wären mit einer Flut aus Neugierde, Freude und Wut über ihn hereingestürmt. Viele hätten ihn hereingebeten, einige auch weggejagt.

Doch sie sagte nichts. Sie sah ihn lange an, mitten in die Augen. Kein Lächeln nur ein wenig Verletztheit das er gegangen war und ein bisschen Freude über das wiedersehen.

Sie wusste warum er hier war.

Man hörte wie die ersten, einzelnen Regentropfen des Sommergewitters auf dem Asphalt aufschlugen und man roch den teerigen Duft ihres Dampfes.

Er versuchte zu lächeln. Doch eigentlich stand er immer noch nur da.

Sie zuckte die Schultern und zog Hausschuhe sowie Socken aus.

Er stand da und streckte die Hand aus.

Sie nahm seine Hand und lief mit ihm mitten hinein in den Sommerregen.

Fortgesetzt in Nach dem Regen.