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Draussen giesst es in Ströhmen. Eigentlich beginnt die Taifun Saison im Herbst. Doch der Supertaifun Songda wird Morgen früh auf den Westteil der japanischen Hauptinsel Honshu treffen. Ich verstehe nichts von Taifunen. Inzwischen fühle ich mich zwar wie ein Erdbebenexperte aber einen Taifun erlebe ich zum ersten Mal. Die japanische Wetterbehörde hat jedoch heute Nachmittag etwas Entwarnung gegeben, allzu gefährlich dürfte es nicht werden. Die Japaner in meinem Umfeld meinten, dass die Stadtgebiete Kobes und Nishinomiyas die nahe am Meer liegen überschwemmt sein würden.

Geh da besser nicht nicht hin morgen, sagen sie. Es ist wie jedes Jahr, sagen sie und ziehen die Schultern hoch. Fast so als wären sie ein wenig froh über diese vorhersagbare, scheinbar berechenbare Katastrophe deren Ende man zu kennen scheint. Von der Hauptsorge der westlichen Medien der Taifun nähere sich Fukushima und richte da weiteren Schaden an hört man hier nichts. Ich denke auch das es sich dabei um die übliche entertaimnent Panikmacherei in diesem Thema handelt. Japan sieht im grossen Pazifik einfach auf dem Globus kleiner aus als es ist.

Zwischen Osaka und Kobe gibt es drei Zuglinien. Die südlichste liegt am nächsten beim Meer und ihr Name ist Hanshin Line. Das Baseball Team der Region trägt den selben Namen, Hanshin Tigers. Dies ist sehr passend, denn wenn man mit der Hanshin Line unterwegs ist trifft man auf die japanische Arbeiterklasse. Müde, frustrierte Gesichter, hängende Köpfe und gesenkte Blicke gehören zum Alltag. Gleichzeitig sind die Leute dort aber etwas offener und auch direkter als sonst. Manchmal nimmt man sogar Gerüche war, etwas was im restlichen Japan so gut wie nie vorkommt.

Die mittlere Linie ist jene des staatlichen Bahnbetriebs JR. Obwohl sie wie die beiden anderen Anschlüsse in alle wichtigen Städte und Bezirke bietet, wird sie oft nur als Verbindung zu den Bahnhöfen der Hochgeschwindigkeitszüge Shinkansen benutzt. Dies liegt vor allem an den etwas höheren Preisen.

Die nördlichste Linie schliesslich ist die Hankyu Line. Die Züge dieser Linie sind Braun und haben einen ziemlich stylischen Retrolook. Alles bei der Hankyu Line passt zusammen, die Haltestellen im hügligen Norden Kobes befinden sich meist über kleinen Flüssen und sind von Bäumen umgeben. Das Bahnperson begrüsst jeden Morgen hunderte Passagiere mit einer Verbeugung und die Züge werden peinlich sauber gehalten. In der Kirschblüten Zeit sah man Pink überall um die Hankyu Line. Auch die Passagiere dieser Züge sind aus einer ganz anderen gesellschaftlichen Schicht. Denn obwohl die Tickets gleich teuer sind, ist es viel einfacher ein Haus im Süden zu erwerben als in den Hügeln des Nordens. Die Gründe liegen mit Tsunamis und Taifunen natürlich auf der Hand. So kommt es das man in der Hankyu Line üblicherweise auf Mädchen trifft die Stunden vor dem Spiegel verbracht haben müssen bevor sie das Haus verlassen haben, immer süss lächeln und sich schüchtern geben. Geredet wird selten, Männer sind Geschäftsleute und deshalb ohnehin seriös. Alles ist ein wenig wie in einem Film. Das passt recht gut, denn statt wie die Hanshin Line einem Sportteam seinen Namen zu geben, hat die Hankyu Line vor einigen Wochen einen neuen Kinofilm mitfinanziert. Titel: Hankyu Densha (Zug).

Ich fahre jeden Tag mit der Hankyu Line aber wenn ich mich setze bleibt der Platz neben mir üblicherweise auch dann leer wenn der Zug voll ist. Ich glaube nicht das dies etwas mit Rassismus zu tun hat. Es ist eher eine gewisse Angst und Schüchternheit, denn Ausländer sieht man hier wo ich wohne sehr selten. Wenn ich jemanden etwas frage wird mir ausgesprochen freundlich weitergeholfen. Es ist überall das gleiche. In Japan haben viele Leute, gerade aus den gehobenen Schichten eine enorme Angst Fehler zu machen. Selbst kleine Dinge scheinen bei ihnen manchmal enorme Scham auszulösen. Deshalb erscheinen sie sehr Zurückhaltend und Würdevoll. Den ersten Schritt zu ihnen hin muss man jedoch immer selbst machen, selbst wenn sie sich enorm für einen interessieren.

Und man kämpft immer wieder gegen den Gedanken an das man trotz all der Freundlichkeit die einem zuteil wird und all der Lächeln die einem geschenkt werden, vielleicht ja doch nicht willkommen sein könnte. Es braucht wohl Selbstvertrauen sich in Japan wohlzufühlen. Vielleicht gelingt das deshalb vielen Deutschen so gut.

Mir gelingt es auch immer besser, man muss sich nur daran gewöhnen.

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Die Felder sind einfarbig und die Farbe der Kanji auf den Figuren ist etwas abgetragen. Die Partie schon so gut wie verloren. So viel erkenne ich trotz den Schwierigkeiten inzwischen. Aufgegeben wird aber nicht, deshalb studiere ich weiter das Shogi Brett. Meine beiden Generäle liegen auf Herrn Maedas Seite neben einigen anderen Figuren, die er laut den Regeln des Spiels jederzeit an einem Beliebigen Ort wieder einsetzen kann. Dies verschlechtert meine missliche Lage natürlich zusätzlich. Einzig ein verzweifelter Vorstoss auf der Rechten Seite könnte mich retten, jedoch nur wenn mein Gegenüber unvorsichtig wird. Auf einenmal frage ich mich warum Herr Maeda seinen Zug nicht endlich macht, hebe meinem Blick und merke endlich das er eingeschlafen ist.

Ich habe seit einiger Zeit nicht mehr geschrieben. Es war nur eine Woche in der kaum etwas passiert ist und auf einmal war ich aus dem Rhythmus gefallen. Viel Stoff zum schreiben hätte ich aber schon gehabt.

Nachdem ich mich entschieden hatte für längere Zeit von Tokio und damit auch von Fukushima wegzubleiben, habe ich mich daran gemacht hier in der Umgebung eine Arbeit zu finden. Einige Tage habe ich in einem Volunteer Center in Kobe gearbeitet. Dort habe ich Spenden in Kisten gepackt für die Erdbebenopfer. Nach kurzer Zeit wurde dieses Center jedoch geschlossen wieso habe ich nicht ganz verstanden. Ich glaube es wurde viel mehr gespendet und eingepackt als transportiert werden konnte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte aber meine Organisation bereits eine neue Arbeit für mich gefunden. In einem Altersheim in Kobe. Dort ist meine Aufgabe eigentlich vor allem den alten Leuten die Langweile zu nehmen. Ich höre mir ihre Geschichten an von denen ich gerade anfangs kaum etwas verstanden hatte oder mir passiert etwas lustiges, was nur einem Ausländer passieren kann. Diese Arbeit ist manchmal etwas Emotional, manchmal stirbt jemand ohne das ich wusste das etwas anders ist als sonst.

Nur eine einzige Person in dieser Institution spricht English. Das hat mir enorm geholfen mein japanisch zu verbessern, gerade weil meine Aufgabe fast nur aus Reden besteht. Das hat mich auch zum lernen angetrieben. Nur lesen kann ich nichts, nicht einmal die Schlagzeilen einer Zeitung oder die Werbung im Zug. Inzwischen habe ich jedoch einige Läden mit englischen Ausgaben japanischer Zeitschriften und deutscher Bücher gefunden. Ich lese momentan gerne Bücher von japanischen Autoren. Ich glaube nicht das sie mir bevor ich hier war gefallen hätten. Viele Gefühle, Handlungen und Gespräche kommen einem vermutlich seltsam vor wenn man nicht hier ist. Mir helfen diese Bücher zwar nicht japanisch zu lernen aber sie helfen die Menschen und Zusammenhänge hier etwas besser zu verstehen.

Das Heim hat fünf Stockwerke. Die Leute im fünften Stock haben alle Alzheimer und für den Lift braucht man einen Code. Es ist jedes Mal eine grosse Fragerei wenn ich dorthin komme und alle freuen sich zum ersten mal einen Ausländer auf dieser Etage zu sehen. Im vierten Stockwerk sind Patienten mit Physischen Problemen, was sie haben weis ich meistens nicht. Hier sitzt auch Herr Maeda. Immer am selben Tisch und schaut zum Fenster hinaus auf Shinkaichi, ein grauer Vorort Kobes. Er hat mir japanisches Schach beigebracht. Das dritte Stockwerk verstehe ich nicht so richtig, den Leuten dort scheint es gut zu gehen und sie sind auch gut gelaunt. Fast alle schlafen jedoch mehr als in den anderen Stockwerken. Ausserdem wechseln die Patienten dort öfter. Im zweiten Stockwerk sind Tagsüber Senioren die Zuhause wohnen. Sie werden morgens abgeholt und abends nach Hause gekarrt. Dort ist immer viel los.

Ich arbeite in allen Stockwerken und mir wird viel gezeigt. Langweilig wird es nie. Ich bekomme einfach vieles nicht mit aber dafür haben alle Verständnis. Das Heim hat auch einige Senioren aufgenommen die das Erdbebengebiet verlassen mussten. Ich bin jeden Tag erstaunt wie freundlich und dankbar alle dort sind. Aller Schmerz und jede Situation wird mit einer enormen Würde ertragen.

Alles was du bekommst wird dir genommen werden. Alles was du erschaffst wird wird zerstört werden. Alles was du hast wird bedeutungslos sein.

Das habe ich in Eihei-ji gelesen, einem Buddistischem Kloster in den Bergen von Fukui. Es mag seltsam klingen aber in diesen drei Sätzen habe ich enormen Trost gefunden und sie haben mir auch geholfen die Japaner etwas besser zu verstehen.

Über Ostern sind wir nach Kanazawa gefahren. Eine wunderschöne Stadt mit vielen alten Vierteln und Märkten sowie einer Burg mit einem gigantischen Park im Stil simpler japanischer Perfektion. Auf dieser Reise habe ich auch das japanische Meer gesehen, bin mit meinem Gastvater über Reisfelder gejoggt und wir haben täglich drei Termalbäder im Hotel genommen. Ich habe sowieso richtig viele Orte gesehen aber noch interessanter als das sind die Leute die ich kennengelernt habe. Niemals hätte ich mir erträumen können, dass ich in meiner kurzen Zeit hier in Japan so viele Leute treffe und so viel über dieses Land lernen darf.

Ich habe viele Geschichten die ich erzählen möchte. Gleichzeitig möchte ich jedoch auch nur so viel schreiben, wie auch jemand lesen mag. Deshalb lasse ich es für Heute erst einmal gut sein. Wie gern ich schreiben würde, habe ich leider erst bemerkt als mein Computer vor ein paar Tagen kaputtging. Jetzt will ich jedenfalls wieder damit anfangen regelmässig hier etwas reinzustellen.

Die Nachrichten über die Erdbebenkatastrophe und die Nukleare Bedrohung in Fukushima nehmen langsam ab. Dies liegt jedoch nicht etwa daran, dass sich an der gefährlichen Situation rund um das Atomkraftwerk etwas verändert hätte. Es passiert viel mehr darum, weil der Unterhaltungseffekt einer Katastrophe stetig abnimmt, umso länger sie andauert. Mir kommt das ganz gelegen, denn ich glaube das sich die meisten Leute auch weniger sorgen machen, seit die Medien etwas weniger hysterisch berichten.

Was mich verwirrt hat in den letzten Wochen, war die Tatsache das besonders die japanische Regierung immer wieder als Hinterzieher wichtiger Informationen, verschleiherer Messungsdaten und anderen Neuigkeiten aus Fukushima dargestellt wurde. Dies geschah jedoch nicht nur in den Medien sondern ich habe auch von vielen Freunden und Bekannten immer wieder gehört was für eine Sauerei die japanische Informationspolitik doch sei. Dies stimmt natürlich, die japanischen Verantwortlichen gaben während dieser Kriese kein besonders gutes Bild ab. Seltsam fand ich nur, dass sehr ich bei sehr vielen Berichten und Gesprächen das Gefühl wargenommen habe, dass dies an Japan liegt.

Japan hat kein Grundsätzlich anderes politisches System als wir es kennen. Die Pressefreiheit steht ausser Frage, es gibt kein Informationsmonopol des Staates und die Wirtschaft ist grösstenteils Privatisiert. Natürlich gibt es in anderen Bereichen erhebliche Unterschiede. Aber Japan ist eine Industrienation, ein neutrales Land und eine Demokratie.

Genau aus all diesen Gründen wäre es ein grosser Fehler zu glauben, die Informationspolitik der japanischen Regierung sei beabsichtigt oder kontrolliert. Womit wir es hier zu tun haben, ist viel mehr die Onmacht einer demoktratischen Regierung gegenüber einem Wirtschaftskonzern. Einem Wirtschaftskonzern der torkelt, dessen Umfallen jedoch für das ganze Land und damit die ganze Welt ins wanken bringen könnte.

In meinen Augen steht die japanische Regierung hier vor den gleichen Problemen wie die USA letzten Frühling, als nur BP wusste wie man das Loch in Golf von Mexiko stopfen kann und die Mittel dazu zur verfügung hatte. Es ist im Grunde genommen ebenfalls die gleiche Situation wie jene in der sich alle Länder, die international tätige Banken beheimaten nach der Finanzkriese vor zwei Jahren befunden haben. In der Eurokriese scheinen ebenfalls Ratingagenturen und Spekulanten mehr Einfluss zu haben als alle EU Finanzminister zusammen. Natürlich stellt uns jede dieser Kriesen vor ganz andere Probleme. Die Katastrophe hier in Japan mag Grösser sein oder gewaltiger, man kann das sehen wie man will. Was ich jedoch sehe ist ein Staat der für Probleme geradestehen muss, die ein Unternehmen verursacht hat – neben allen anderen Problemen die gerade da sind. Man erkennt die gleiche Onmacht.

Der Staat verfügt einfach über gar keine Informationen die er verschleiern kann. Die Verantwortlichkeit und damit aber auch das Know-how konrolliert eine private Behörde. Natürlich kann man jetzt vom Staat verlangen das er die Kontrolle übernimmt und Tepco aufkauft, was eigentlich nötig wäre oder nötig gewesen wäre. Erst dann jedoch hätte sich der japanische Staat in jener Position befunden, in den ihn viele westliche Beobachter vermuten. Alles was er bisher machen konnte, war die Feuerwehr und Armee hinschicken, Messungen durchführen wo es möglich ist und die Informationen weiterleiten die zur Verfügung standen.

Ich sehe darin keine Unterschiede zu den Optionen die westliche Regierungen in ähnlichen Situationen hätten. Das japanische Volk steht den gleichen Problemen gegenüber wie wir es auch tun würden, daraus sollten wir lernen und keine Grenze ziehen im Glauben dort sei sowieso alles anders.

Ausserdem kann die Demokratie auch in Japan ihre Stärken ausspielen. So werden Beispielsweise die Strahlenwerte in Tokio von den Präfekturbehörden gemessen und nicht von der Zentralregierung. Der Gouverneur von Tokio ist Parteilos, hat also kein Interesse daran irgendetwas zu verschleiern.

Gestern und heute hat hier in Osaka die Zeit der Kirschblüten begonnen. Die Tochter meiner Gastfamilie heisst Sakura, sie wurde heute zwei Jahre alt. Ein passendes Datum, denn Sakura bedeutet, wie wohl vielen bekannt sein dürfte Kirschblüte. Aus diesem Grund hat es sich mein Gastvater heute nicht nehmen lassen einen halben Tag freizunehmen um mit Sakura und mir unter den Kirschbäumen am kleinen Fluss hier in der nähe zu Picknicken. Als die Schule meiner Gastmutter fertig war, ist sie dann auchnoch dazugestossen. Es war wundervoll dort unter den Kirschblüten mitten im Rosaweiss zu sitzen, zu reden und in die Kirschblüten hinauf zu starren.

Ich glaube nicht das die Kirschblüten den Japanern Hoffnung vermittelt, danach suchen sie aber auch gar nicht. Die Kirschblüten sind einfach schön. Falls sie dennoch eine Aussage haben, ist es wohl jene, dass alles vorbei geht. Vergänglichkeit nimmt einen hohen Stellenwert ein in der japanischen Kultur, für das Schöne genauso wie für das Unerwünschte.

Genau deshalb fasziniert ein Schweizer Brauch die Japaner wohl ganz besonders. Viele Japaner haben mich bisher auf diese Geschichte angesprochen. Es scheint so als würde jeder Japaner wissen, dass wenn in der Schweiz ein Kind geboren wird, es einen Käse bekommt. Dieser Käse wird dann, wenn das Kind später irgendwann alt wird und stirbt, von den Verwandten gegessen. Ich selber habe von diesem Brauch jedoch noch nie gehört. Vermutlich ist es nur eine Geschichte. Es fasziniert die Leute hier jedoch vermutlich, weil sie alles mögen was ein Anfang und ein Ende hat. Genau wie die Zeit der Kirschblüten-

Baseball ist ein langweiliger Sport. Man muss es ganz ehrlich sagen. Besonders für Europäer, schliesslich kennen die meisten von uns kaum die elementarsten Regeln. Hier in Nishinomiya ist das jedoch ein wenig anders. Hier steht das Hanshin Koshien Stadium, wo jedes Jahr zweimal die High School Baseball Wettkämpfe Japans stattfinden.


Das erste Mal von Koshien gehört, habe ich schon in meiner ersten Woche in Japan. Jeder freute sich ein wenig darauf, Baseball ist der moderne Nationalsport und Schulbaseball ist den Japanern mindestens ebensowichtig wenn nicht sogar um einiges wichtiger als die professionellen Baseball Ligen. Das wusste ich alles bevor ich nach Nishinomiya kam.


Was ich jedoch nicht wusste, war das diese ganze Meisterschaft immer in einem einzigen Stadion stattfinden und von dort aus auf dem ersten Kanal des Staatsfernsehens ins ganze Land übertragen wird. Was ich auch nicht wusste, war das es seit fast 100 Jahren immer das gleiche Stadion ist und das dieses Stadion nur zwanzig Minuten von meinem Haus entfernt ist. Nishinomiya kennt niemand, aber wenn man dann sagt da sei das Koshien Stadion, weis sofort jeder Japaner wovon man redet.

Jedenfalls haben mein Gastvater und ich uns gestern unseren O-Bento (Lunchbox) vorbereitet und sind dahin. Ich glaube die Japaner mögen das Schulbaseball etwas mehr als die Profiligen weil die Schüler wirklich alles geben und es mehr um den Kampfgeist geht als um Perfektion und Geld. Wobei Geld schon auch eine Rolle spielt, Privatschulen sind meistens besser trainiert als andere und manchmal werden gute Spieler auch von einer anderen Schule umworben. Die Japaner fiebern deshalb meistens mit den öffentlichen Schulen etwas mehr mit.


Es soll etwas stiller sein im Stadion wegen des Erdbebens und wenn die Teams aus den Kriesenregionen spielen, etwas emotionaler zugehen als sonst. Das wurde mir jedoch nur erzählt, ich fand die Atmosphäre fröhlich und gut.

Ausserdem war ich seit meinem letzten Eintrag einige Male mehr in Osaka. Bei meinem ersten Besuch war ich von dieser Stadt nich unbedingt begeistert. Es gibt zwar viele beeindruckende Gebäude aber irgendwie kam mir die Stadt so leer, ja fast tod vor. Alles war sehr seltsam, ich dachte es seien vielleicht wegen dem Erdbeben weniger Leute auf der Strasse. Den Japanern denen ich gesagt habe der Bereich in Osaka um den Hauptbahnhof sei mir leer vorgekommen, war unverständlich was ich meine. Als ich jedoch erneut nach Osaka gegangen bin, habe ich herausgefunden wo alle Leute sind. Man kann vom Hauptbahnhof in Osaka unterirdisch jeden anderen Ort auf der Welt erreichen. Der Hauptbahnhof von Osaka befördert täglich mehr als 2.3 Millionen Menschen und jeder davon bewegt sich unterrirdisch. Man kann unterirdisch ins Büro arbeiten gehen und man kann ins Einkaufszentrum spazieren – oder in den Vergnügungspark. Osaka ist gut ausgerüstet, falls die nukleare Bedrohung diesen Ort auch erreichen sollte. Eigentlich ist es ein einziges grosses Gebäude. Ich kam mir vor wie in einem Ameisenhaufen.

Das ich hier über Basebal und Osaka schreibe, sagt wohl viel aus über die Situation im Zusammenhang mit dem Erdbeben und Fukushima. Niemand hier ignoriert das Problem oder spielt sie herunter, sondern man versucht einfach auch ab und zu an andere Dinge zu denken. Wasser kann man seit einigen Tagen schon nicht mehr in jedem Supermarkt kaufen und in jenen wo man es noch kann wird es meistens auf vier oder fünf Liter rationiert. Ausserdem sind manche Hausfrauen ganz aus dem Häusschen weil das Gemüse (besonders Spinat) und die Milch hier viel billiger wurde. Aus der Region Fukushima kommen die zwar hier nicht aber viele Leute scheinen sich nicht mehr so ganz wohl zu fühlen, wenn sie diese Dinge essen.


Ich habe mich nun entschlossen hier zu bleiben und zumindest in den nächsten Monaten nicht nach Hiratsuka zurückzukehren. Die Familie bei der ich hier wohne hat mir schon vor langer Zeit angeboten für meinen ganzen Aufenthalt hier zu bleiben und das mache ich jetzt auch. Traurig die andere Familie in Hiratsuka einfach so zurückgelassen zu haben, bin ich schon. Sie haben unglaublich viel für mich gemacht und sich enorm viele Dinge vorgenommen die sie mit mir unternehmen wollten. Daher hoffe ich wirklich das sie meine Entscheidung verstehen werden und nicht denken es hätte etwas mit ihnen zu tun.


Der Vater meiner neuen Gastfamilie hier in Nishinomiya arbeitet für Kepco, dem Stromversorger der Region Kansei. Dies ist das Gegenstück zum Unternehmen Tepco welches die Region rund um Tokio versorgt. Ausserdem ist Tepco der Betreiber Fukushimas und die momentane Verkörperung des Bösen für unsere westliche Antiatomkraftbewegung.


Auch Kepco hat einige Atomkraftwerke und mein Gastvater arbeit in der Werbeabteilung. Seine Loyalität zu seinem Unternehmen und auch zu Tepco, mit welchem seine Firma öfter einmal zusammenarbeitet, war als ich hier in den ersten Tagen nach den Erdbeben ankam unerschüttert. Er war der absolut festen Überzeugung die Verantwortlich würden die Lage in kürzerster Zeit wieder unter Kontrolle haben. Gleich am ersten Abend erklärte er mir auch ganz genau was in den Reaktoren um Fukushima passiert sei. Verkaufen kann er wirklich gut aber er hatte auch nicht mehr Informationen als ich sie aus den Nachrichten hatte und ich war um einiges skeptischer als er.


In den letzten zwei Wochen konnte man einen sichtbaren Resignierungsprozess an ihm mitverfolgen. Ein Japaner kündigt natürlich nicht einfach seine Anstellung aber das er sich immer unwohler fühlt ist deutlich festzustellen. Schliesslich hat er in seinem gesamten bisherigen Berfusleben nichts anderes gemacht als den Japanern Atomkraft als sicher und zukunftsträchtig zu verkaufen. Er wirkt jedoch nicht depressiv, nur wie jemand der auf einmal feststellt das seine Zukunft und die seiner sehr jungen Familie viel ungewisser ist als er sie sich vorgestellt hat.

In den letzten Tagen unterhalte ich mich oft mit ihm über erneurerbare Energien, minergie Häuser, Grossheizungen, Stromsparlösungen und den Sinn und Unsinn von Gaskraftwerken. Er kennt das alles, sagte mir jedoch vor zwei Wochen noch die Japaner würden niemals höhere Energiepreise in kauf nehmen. Gestern jedoch meinte er bereits, alle in seinem Unternehmen denken nun über diese neuen Wege um von der Atomkraft wegzukommen nach, auch jene die vor einem Monat noch darüber gelacht hatten. Wie er selbst auch.

Bilder werden vergrössert wenn man drauf klickt.

Weiterführende Links (english):

Das Koshien Stadion in Nishinomiya: http://en.wikipedia.org/wiki/Koshien_Stadium

Osaka Station: http://en.wikipedia.org/wiki/%C5%8Csaka_Station

Wieder einmal steigt Rauch oder Dampf aus zwei der beschädigten Reaktoren in Fukushima auf. Gestern hatte es fast angefangen etwas besser auszusehen aber natürlich habe ich und wohl auch alle anderen mit weiteren Rückschlägen gerechnet.


Am Freitag habe ich die Stadt Kobe besucht. Vor 16 Jahren wurde sie beim letzten grösseren Erdbeben in Japan sowie anschliessenden Bränden fast komplett zerstört. 5000 Menschen sind damals gestorben. Damals haben Experten gesagt, die Stadt würde zehn Jahre brauchen bis alles wieder aufgebaut sei. Doch schon nach zwei bis drei Jahren war die Infrastruktur wieder hergestellt. Und als ich nun Kobe besucht habe, erschien es mir unvorstellbar das all dies in weniger als zwanzig Jahren wiederaufgbeaut worden war. Auf einem Ausläufer der Stadt ins Meer hinaus, gibt es ein Memorial für jenes Erdbeben von damals, dort bin ich hingegangen und habe auf einmal wieder richtig viel Hoffnung gehabt. Zerstörte Gebäude, verlorene Erinnerungen und vernichtete Verbingungswege sind nichtig, solange Menschen zurückbleiben mit genug Kraft um alles wieder aufzubauen. Humankapital ist alles, und genau davon hat Japan viel.

Ich habe eine wirklich gute Zeit in Osaka. Für meine Organisation kann ich nun einige Büroarbeiten von Zuhause aus erledigen. Die Verwandten meiner Gastfamilie hier sind Heute mit ihren Kindern wieder zurück nach Tokyo gereist, weil sie die Lage für sicher genug halten. Jetzt ist alles auf einmal sehr ruhig geworden und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile sitze ich allein vor dem Computer und habe Zeit zum Blog schreiben, ohne Kinder die spielen wollen oder Omas die jemanden zum reden suchen.


Morgen gehe ich vielleicht noch einmal nach Kyoto. Dies ist ebenfalls eine wundervolle Stadt, wo es besonders aus historischer Sicht einiges zu sehen gibt. Nirgends in Japan gibt es mehr alte Gebäude, Schreine, Tempel und Festungen zu besichtigen. Himeji mit seiner gigantischen Burg ist auch nicht weit weg von hier, leider wird sie zur Zeit jedoch restauriert. Vielleicht gehe ich im Verlauf der Woche trotzdem einmal hin, schliesslich ist dies die Grösste von Japans verbliebenen Feudalburgen.

Ich wohne überigens nicht in Osaka selbst sondern in einer kleineren Stadt zwischen Osaka und Kobe namens Nishinomiya. Hier gibt es einen kleinen Fluss um den viele Kirschbäume gepflanzt sind. Bald ist es soweit, gestern war der Feiertag des Beginns des Frühlings. Diese Zeit scheint sehr wichtig zu sein für die Japaner. Vielleicht hat die Kirschblüte, die unter anderem für die Hoffnung auf das Ende des Winters, Aufbruch und die Vergänglichkeit steht, dieses Jahr eine noch stärkere Bedeutung für die Japaner. Schön wärs auf jeden Fall.


Wenn man einfach so durch die Strassen geht würde man sich niemals denken das irgendetwas ungewöhnliches passiert ist. Die Leute hier in der Kansai Region verstehen Tokyo ganz allgemein als etwas was enorm weit weg ist. Doch wenn man mit den Leuten spricht, wird einem klar, dass sich hinter dieser bewundernswerten Maske aus Würde und freundlicher Unbesorgtheit, eigentlich die gleichen Ängste verbergen wie bei allen Menschen. Es wird nur auf eine ganz andere Weise damit umgegangen. Sie werden auf eine andere Weise ausgesprochen, weniger deutlich, weniger klar und haben dadurch eine ganz andere Bedeutung. Wenn hier jemand weint, bedeutet es etwas anderes als an einem anderen Ort. Es wird nicht geklagt, es gibt kaum Verbitterung gegen das Unveränderbare. Es gibt nur das Ende dessen was man zu Kontrollieren fähig ist und erst dies ist der Punkt an dem die Tränen kommen. Und selbst dann, selbst wenn alle wissen wie gross dieser Schmerz ist, gibt es jene die sich aufgrund dieses Anzeichens der Schwäche verachtungsvoll abwenden und dann kehrt die Kontrolle zurück, aus Scham.


Manch einer fragt sich wohl warum ich nicht einfach nach Hause komme. Ich weis es selber nicht so genau. Ich weis nur das es für mich im Moment die falsche Entscheidung wäre. Vielleicht komme ich nicht nach Hause, weil ich die Hoffnung nicht so einfach aufgeben will. Vielleicht weil ich es vor dem Erdbeben hier so gut hatte und ich mich auch jetzt sehr wohl fühle. Vielleicht weil ich nicht viele Japaner kenne die verstehen würden, warum ich auf einmal flüchten will. Vielleicht auch weil ich Angst habe, dass einfach wegzugehen und alles so plötzlich zurückzulassen in mir ebensogrossen Schaden anrichten würde wie das Risiko zu bleiben. Ich glaube ich bin kein schlechter Verlierer aber mit dem Aufgeben, selbst wenn es wohl sinnvoller wäre, habe ich es nicht so gut.


Die Veränderung meiner Ganzen Situation war so schockartig, dass ich wohl noch eine ganze Weile brauchen werde bis ich mir wirklich bewusst werden kann was überhaupt passiert ist. Ich bin aber niemand der in Panik verfällt nur weil er sich nicht in der Lage fühlt eine Situation ganz zu erfassen, denn wann können wir das schon? Ich will nicht einfach aus Sturheit hierbleiben oder ähnliches, sondern aus der festen Überzeugung das die Situation noch nicht ganz verloren ist. Und weil ich die Leute hier nicht einfach verlassen will. Wohl auch weil ich mich nicht als Touristen verstehe. Weil alle Begegnungen und Erfahrungen hier, etwas mir unbekanntes, einzigartiges in sich zu tragen scheinen. Weil andere Volunteers meiner Organisation in anderen Ländern auch Problemen und Bedrohungen ausgesetzt sind? Ich weis es wirklich nicht. Ich hoffe nur, dass dieses Unwissen vielleicht auf ein bisschen Verständnis stösst.

(Bilder können durch anklicken vergrössert werden.)

Leider habe ich auf meinem Laptop kein Internet, deshalb sieht dieser Eintrag etwas anders aus.

Als ich mich am Montag morgen auf den Weg nach Osaka gemacht habe, war die Situation in Tokyo denkbar schlecht. Die Kernschmelze schien warscheinlich bis sicher und die Wetterbehoerde hatten einen Windwechsel angekuendigt im Verlauf des Vormittags. Als ob das nicht schon genug gewesen waere wurde ebenfalls vorausgesagt das es am Nachmittag ueber Tokyo regnen wuerde. Genau dann also wenn die Wolke ueber Tokyo angekommen waere.

Ich habe mich deshalb auf alles gefasst gemacht als ich mit meinem etwas verkleinerten Koffer auf den Weg zum Bahnhof gemacht habe. Ueberfuellte Zuege hatte ich mir vorgestellt und verstopfte Strassen. Doch ich wurde einmal mehr ueberrascht. Im Bahnhof war zwar ein reger Betrieb, jedoch fast nur in Richtung Tokyo. Die Zuege fuhren wieder, also gingen die Bewohner Tokyos wieder arbeiten. Ich sah High School Schuelerinnen in Miniroecken und Kindergartenkinder mit gelben Hueten, ein ganz gewoenlicher Morgen. Keine Schule hatte geschlossen, obwohl es besser waere drinnezubleiben. Die Atemschutzmasken, in die die Japaner in Fruehling wegen dem Bluetenstaub so verliebt sind, sah ich eher weniger als mehr, trotz hoher Pollenbelastung. Vielleicht als demonstration der Staerke. Alles erscheint bewundernswert irrsinnig.

Der Shinkansen Zug Richtung Osaka war beinahe leer. Einige Muetter mit kleinen Kindern, waren die einzigen die Gepaeck dabei hatten. Meine eigene Gastmutter habe ich leider nicht davon ueberzeugen koennen das es besser waere fuer einige Tage wegzufahren. Als Grund gab sie an, das die aeltere Tochter die Abschlusszeremonie im Kindergarten verpassen wuerde. Da gibt es schliesslich Kuchen und Kekse.

Alles ist ok in Tokyo und vorrerst ist die nukleare Katastrophe ausgeblieben. Ich bin trotzdem froh etwas weiter weg von dem allem zu sein. Hier warte ich jetzt einige Tage ab was passiert. Ich wohne hier nun bei der Tochter meiner ersten Gastfamilie, sie lebt mit ihrem Mann hier in Osaka, war jedoch mit ihrer eigenen Tochter in Tokyo als ich bei ihren Eltern gewohnt hatte. Zwei Freundinnen von ihr und ihre Mutter sind gestern ebenfalls mit ihren Kindern hier eingetroffen. Jetzt leben wir hier zusammen auf engsten Raum, japanische Wohnungen sind jedoch fuer so etwas eingerichtet (mehrfachnutzung und veraenderbarkeit aller Raeume) und es wird nicht besonders unangenehm.

Die Gelassenheit mit der in Japan all diese Verluste hingenommen werden ist erstaundlich. Jeder nimmt die Kriese Ernst, alle wissen wie Lebensbedrohlich diese Kriese fuer die Menschen, die Wirtschaft und die Zukunft des Landes ist.  Im Fernseher werden Leute in Katastrophengebiet des Erdbebens gefragt wie es ihnen geht. Heute haetten sie wieder etwas zu Essen und Wasser, es gehe ihnen sehr gut dort. Bald koennten sie selbst beim Aufraeumen mithelfen. Obwohl diese Leute alles verloren haben und nicht wissen was kommen wird, lachen im Hintergrund Kinder und versuchen sich ins TV Bild zu draengen. Das ganze Land weis nicht was kommen wird. Es gibt keine Traenen, nur ein enormes Mass an Wuerde.

Heute habe ich mit einem vierjaehrigen Jungen ein Kloetzchenturm gebaut. Er hat enorm gewackelt, ist jedoch trotzdem eine ganze Weile stehen geblieben. “Nippon”, hat die Grossmutter die daneben sass, gesagt und den Turm halb lieblich, halb sehnsuechtig angelaechelt. Japan.

Da ist ein Mann im Fernsehen, in einem Laden dessen Besitzer er offensichtlich ist. Er steht fast bis zu den Knien im Wasser und versucht mit der Schaufel in seiner Hand irgendetwas wegzuschaufeln. Das Geschehene vielleicht, denke ich mir. Doch dann hält ihm jemand ein Mikrofon hin. Der Mann sagt er wolle seinen Laden bald wieder aufmachen und hofft das es seinen Kunden gut gehe. Und mir wird mit einem Mal klar das er wirklich dabei war das Wasser des Tsunamis aus seinem Laden zu schaufeln. Dieser Laden steht irgendwo in Sendai. Irgendwo inmitten dieser Landmasse die zuerst bebte, dann von einem mehr als sieben Meter hohen Tsunami überollt wurde. Ein Tsunami der zuvor ein Öllager getroffen hatte, wegen dem alles was überig blieb zu brennen begonnen hatte.

 

Und doch glaube ich diesem Mann jedes Wort. Er wird seinen Laden aufräumen, auch wenn es bedeutet das er das ganze Haus wieder aufbauen muss – am genau gleichen Ort. Man mag nun denken die Japaner seien stur. Doch dies ist ein Missverständniss. Sie verstehen die Natur auf eine andere Weise als wir es tun. Der Vulkan ist der Boden auf dem Japan steht, die Erdbeben waren schon immer da und werden es immer sein. Das Meer bietet den Japanern viel, dafür müssen sie die Tsunamis ertragen. Alles wird zerstört und wieder aufgebaut, jede Stadt genau da wo sie gewesen ist. Genau wie Hiroshima.

 

Meine eigenen Gefühle einzuschätzen fällt mir momentan schwer. Wir waren auf diesem Trip, zu Mt. Fuji. Es war alles wunderschön, alles surreal. Jeder Tag war perfekt und dann kamen wir am Abend ins Hotel und sahen am Fernseher Atomkraftwerke explodieren und die Opferzahlen des Erdbebens und des Tsunamis ansteigen. Auf dem Heimweg haben wir dann den Wagen vollgetankt und Hakone alle möglichen Vorräte gekauft. Wasser, Reis, Vitamine, Salz, Zucker, Kerzen, Batterien und Akkus, alles wurde aufgestockt. Als wir dann wieder in Hiratsuka ankamen, sahen wir viele geschlossene Tankstellen und kilometerlange Autoschlangen vor den noch geöffneten. Viele Läden waren ebenfalls geschlossen oder beinahe ausverkauft.

 

Die Züge fahren in Hiratsuka ebenfalls noch nicht, vielleicht morgen irgendwann. Deshalb wäre es sehr schwierig von hier wegzukommen. Das EDA hat allen Schweizer Bürgern in der Region Tokyo/Yokohama empfohlen darüber nachzudenken ob ihr Aufenthalt dort nötig ist und wenn nicht die Ausreise aus dem Land in Betracht zu ziehen. Ich wohne etwas westlich von Yokohama und betrachte meinen Aufenthalt hier nicht unbedingt als notwendig, deshalb habe ich mir überlegt in den westen Japans zu gehen. Das werde ich morgen auch tun, wenn morgen noch alles so ist wie es heute Abend war. Die ersten Züge sind nämlich wieder gefahren heute. Die Tochter meiner ersten Gastfamilie wohnt mit ihrer eigenen Familie in Osaka und sie hat mir angeboten das ich eine Weile dort bleiben könnte, bis alles etwas besser ist.

 

Heute sitze ich hier und warte so halb auf den Super GAU. Das dieser nicht eintritt glauben nur noch die wenigsten Japaner. Doch sie schaffen es auf mir unverständliche Weise ihm eiskalt ins Auge zu blicken. Oder direkt an ihm vorbei. Es gibt keine Panik, Kinder gehen immer noch zur Schule und jeden Tag versammeln sich Tausende Geschäftsleute vor den geschlossenen Bahnhofen um dort eine Kolonne zu bilden. Um dort auf den Zug zu warten, von dem sie wissen das er nicht kommt.

 

Alles was den vierzig Millionen Menschen rund um Tokyo, den zwei kleinen Mädchen meiner Gastfamilie und dem Rest der Welt bleibt ist das hoffen auf Westwind. Und Wind ist bekanntlich eine ziemlich ungünstige Sache um sich daran festzuhalten.

Wir machten gerade Pause und eine meiner älteren Kolleginnen, die ausschlieslich japanisch spricht, versuchte mir einige neue Origami Figuren beizubringen. Origami-Seinsei (Falt-Meister oder Lehrer) wie ich sie nenne, kann eigentlich alles falten was man sich vorstellen kann. Von einem aufblasbaren Hasen, über einen Pfau mit Federrad bis zu einem aufklappbaren Geschenkekorb. Und ich war Teil davon.

Bei den ersten Figuren war ich noch recht gut bei der Sache aber nach einer Weile wurde ich müder und müder, ich war tatsächlich beinahe am einschlafen. Auf einmal denke ich mir sei schwindlig, auf diese neue mir unbekannte Weise, die ich nur von hier kenne. Doch als ich mich umsehe, sehe ich lächelnde Japanerinnen, „Jishin“, sagen sie alle ruhig aber etwas zu wild durcheinander – Erdbeben. Eines der Worte die ich mir recht schnell merken konnte. Schnell wurde das Gas ausgeschaltet und alle begaben sich zur Tür hinaus ins freie.

Benommen wie ich noch immer war, torkelte ich eilig hinterher und als wir dann draussen waren ging es erst richtig los. Man fühlt sich absolut hilflos, man kann absolut gar nichts machen, nichts kontrollieren. Man hält sich irgendwo fest und wartet bis es vorbei ist – im besten Fall.

Ich stand mit verschränkten Armen drei Minuten lang in der zitternden Welt herum. Drei sehr lange Minuten. Auf der anderen Seite der Strasse sah ich ein Mädchen stehen, dass auf den Bus wartete. Sie ging in die Hocke, wie es alle Japaner machen, wie ich es wohl auch hätte machen müssen. Aber ich wusste nichts über Erdbeben, stand einfach da bis es vorbei war und dachte dann „Das ist also eine Erdbeben, dank Japan bin ich wiedermal um eine Erfahrung reicher. Lass uns weiterarbeiten.“ Die Abläufe aller Leute rund um mich herum waren mir so natürlich vorgekommen, dass ich dachte so etwas geschehe halt ab und an in Japan.

Nun weiss ich das dieses Erdbeben das weltweit fünfstärkste seit Messbeging war. Da war mir das nicht klar. Telefone lagen brach und bald darauf ging die Tsunami Warnung los. Alle machten sich auf den Weg nach Hause und ich ging in den Supermarkt um mir was zu trinken fürs Fussballspielen später zu kaufen. Natürlich waren alle sehr nervös aber niemand konnte mir genaueres erklären und weil alle so aufgebracht waren funktionierte nur noch sehr höfliches aber enorm schnelles Japanisch, das ich leider kaum verstehe.

Jedenfalls wollte ich nach Yokohama, schliesslich war ich da mit meinem Gastvater verabreted. Als ich jedoch am Bahnhof ankam wurde mir so einiges etwas klarer. Hunderte Leute standen in langen Schlangen überall wo irgendwann wieder ein Bus oder ein Zug eintreffen sollte. Es gab keine Nervosität oder Panik. Jemand der nichts von dem Erdbeben gewusst hätte, wäre wohl gar nicht auf die Idee gekommen zu fragen was los ist. Es waren nur viel mehr Leute als sonst und es wurden immer mehr.

Auf einmal bebte die Erde erneut und ich sah hunderte Japaner wie auf Kommando in die Hocke gehen. Alles wirkte perfekt eingespielt. Der Zug nach Yokohama fuhr nicht. Jetzt bin ich dafür dankbar, mein Gastvater kam vorhin nach Hause. Nach einem sechsstündigen dreissig Kilometer Marsch, mit tausenden anderen die wegen dem Ausfall der Züge von der Arbeit den Gleisen oder Strassen entlang nach Hause pilgerten. Durch Gebiete ohne Strom, in denen Convience Stores im Taschenlampenlicht ihre Ware weiterverkauften. Im Bahnhof von Yokohama stecken auch jetzt noch an die 40’000 Leute fest. An Tokyo mag gar niemand so richtig denken.

Doch der Japaner lächelt weiter. Egal ob Kernkraftwerke und Tanklager brennen. Egal der Tokyotower einen Knicks hat. Egal ob die Natur gerade gewonnen hat. Oder vielleicht dem allem zu trotz, der Japaner lächelt weiter. Japan wird sich wieder aufbauen, auch nach diesem Erdbeben. Japan macht das schon seit Jahrhunderten, immer und immer wieder, nur jedes Mal ein bisschen besser.

Mir geht es gut. Morgen gehen wir hoffentlich wie geplant einige Tage in die Berge, da würde ich mich wohler fühlen jetzt gerade, wegen den Tsunamis. Für heute Nacht werde ich gezwungen mit Helm, Wasservorrat und Essen unter dem Küchentisch im ersten Stock zu schlafen. Vielleicht ist es besser so.



Die Zeit hier in Japan vergeht wie im Flug. Und doch kommt es mir der Gedanke seltsam vor, erst zwei Wochen hier zu sein. Meinem Gefühl nach könnten es gut zwei Monate sein. Ich habe mich inzwischen etwas eingelebt und organisiert. Den Rhythmus habe ich inzwischen auch gefunden, ich schlafe nur mehr als gewöhnlich. Ob das noch mit dem Jetlag zu tun hat oder einfach an der Überreizung meines Gehirns mit neuen Einflüssen liegt vermag ich nicht zu sagen.

Die letzte Woche habe ich mit japanisch lernen Informationen verbracht. Dafür musste ich jeden Tag mit der U-Bahn von Saitama City nach Shinjuku im Zentrum Tokios fahren, was etwa eine halbe Stunde dauert. Eine U-Bahn Fahrt in Tokio ist ein einzigartiges Erlebnis – im negativen Sinn. Morgens werden hier die Leute wie Vieh vom Bahnhofpersonal in die Wagen gepresst. In den Wagen kann man sich dann eigentlich nicht mehr bewegen. Die meisten Leute behalten während der Fahrt die Augen zu und hören Musik, einige schaffen es auch trotz dem Gedränge etwas zu lesen. Das wichtigste ist wohl das man es schafft abzuschweifen, sich mit dem Geist an einen anderen Ort zu begeben. Die Männer heben oft beide Arme in die Höhe und halten sich irgendwo fest. Sexuelle Belästigung im Gedränge der U-Bahn ist in Japan ein grosses Problem über das kaum gesprochen wird. Doch nicht nur für die Frauen ist die problematisch. In Japan bedeutet die Anschuldigung sexueller Belästigung den Verlust der Ehre und damit oft auch den Verlust des Jobs. Ob die Anschuldigung zurecht stattgefunden hat oder nicht spielt dabei meistens keine Rolle.

Für Leute die das kaum glauben können oder mehr über die Chikan Problematik wissen möchten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Chikan

Die nun folgende Geschichte, hatte in einem genau so eine überfüllten U-Bahn Wagen ihren Anfang genommen. Am Donnerstag Abend nämlich war ich auf dem Weg nach Hause und weil es so voll war sah ich mich gezwungen meine Laptop Tasche oben auf die Gepäckablage zu legen. Das machen hier in Japan alle so, einfach weil es dadurch mehr Platz gibt. Ausserdem kann ich mir gut vorstellen, dass in dem Gedränge der Inhalt diverser Taschen Schaden nehmen könnte. Nun ja, als noch mehr Leute eingestiegen sind wurde ich dann etwas von meiner Tasche weg gedrängt ohne es zu merken und als ich aussteigen musste, habe ich sie natürlich liegen lassen. Kurz darauf habe ich das gemerkt, der Zug fuhr jedoch gerade ab und ich meldete mich umgehend beim Bahnhofpersonal. Halb englisch, halb japanisch und mithilfe vieler Gesten gelang es mir ihnen klar zu machen was sich ereignet hatte. Sie gaben mir die Zugnummer und meinten ich soll mich morgen melden.

Also ging ich nach Hause, beziehungsweise zu meiner Gastfamilie. Ohne meinen Pass, mein Geldbeutel, meine Visa Karte, meine Kamera und meine Brille. Das es doof war das alles in die Tasche zu stecken, ist mir jetzt auch bewusst geworden. Eigentlich habe ich aufgehört zu existieren. Ein enorm schlechtes Gefühl hatte ich da aber noch nicht, schliesslich ist Japan dafür bekannt, dass eigentlich kaum einmal etwas gestohlen wird. Als ich jedoch zuhause ankam und meiner Gastfamilie erzählt hab was passiert ist, befand sich das ganze Haus in heller Aufruhr. Es wurde telefoniert und diskutiert und alle machten sich sorgen. Alle dachten sie müssten mir jetzt gerade helfen, dabei war es mein Fehler.

Um am Tag darauf nach Shinjuku zu fahren musste mir meine Gastfamilie etwas Geld leihen. Diese 1’000 Yen waren an diesem Morgen alles was ich hatte und ich machte mir grosse Sorgen wie ich innert kurzer Zeit an etwas Geld kommen könnte. Als ich dann jedoch das Ticket gekauft hatte kamen etwas über 9’000 Yen zurück. Ich stellte verwundert fest das ich mich wohl getäuscht haben musste und das mir die Gastfamilie wohl 10’000 Yen gegeben haben musste, ziemlich grosszügig. Froh war ich trotzdem, schliesslich würde das für dieses Wochenende reichen.

Als ich an diesem Tag nach Hause ging begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Konnte ich das Geld der Gastfamilie aufbrauchen und später zurückzahlen? Ich hatte ein enorm schlechtes Gefühl dabei aber viel anderes blieb mir offensichtlich nicht übrig. Mir wurde auf einmal bewusst wie weit ich eigentlich von zu Hause weg bin. Als ich bei der Gastfamilie ankam waren alle etwas ruhiger und seltsamerweise optimistischer als am Tag zuvor. Sie fragen mich dann ob ich genug Geld habe. Natürlich sagte ich und fragte mich wie jemand 10’000 Yen an einem Tag aufbrauchen kann.

Am morgen darauf fragten sie erneut, natürlich sagte ich erneut, ihr habt mir doch 10’000 Yen gegeben. Da waren sie erstaunt und die Mutter guckte in ihrem Geldbeutel nach, unmöglich meinte sie dann, es können nur 1’000 gewesen sein. Was war also passiert?

Ich selbst gehe davon aus, dass mir der Automat falsches Wechselgeld gegeben hat. Schliesslich habe ich selber geglaubt die Familie hätte mir nur tausend gegeben, bis auf einmal so viel Wechselgeld herauskam. So etwas geschieht einem vielleicht einmal im Leben und mir genau an dem Tag wo ich mir vielleicht zum ersten Mal ernsthafte Sorgen um Geld gemacht habe.

Am Samstag und am Sonntag habe ich dann auch nichts von der Tasche gehört. Ich war hatte mich schon bei der Polizei gemeldet und wollte gerade bei der Botschaft wegen dem Pass anrufen als jemand eine neue Idee hatte. Das U-Bahn- und Zugsystem in Tokyo ist hochkomplex, es gibt neben den Staatlichen Betreibern mehrere private Firmen die einige wenige oder gar einzelne Linien anbieten. Jedenfalls wechselte der Zug in dem sich meine Tasche befand vom Hauptbetreiber JR zu einer dieser kleinen privaten Firma. Leider fährt nur ein geringer Teil der Züge auf der Linie mit der ich fuhr in diese Richtung und macht diesen Wechsel. Dies führte das von den Heerscharen von Leuten denen ich die Geschichte meiner Tasche erzählt habe erst nach vier Tagen jemand auf die Idee kam, dass die Tasche in einer Bahnstation dieser kleinen Firma sein könnte.

So war es dann auch. Am Montag konnte ich die Tasche abholen. Sogar das Bargeld war noch vollständig und alles andere auch vorhanden, ich fühle mich nun so komplett wie nie zuvor. Vier Tage lang habe ich mir richtig sorgen gemacht, was sonst gar nicht so meine Art ist. Ich bin auch froh, dass mein Vertrauen in die japanische Gesellschaft nicht erschüttert wurde, obwohl es natürlich immer schwarze Schafe gibt.

Eigentlich habe ich richtig viel gemacht. Am Samstag und am Sonntag hätte ich unendlich viel mega tolle Bilder machen können aber leider hatte ich die Kamera ja nicht, deshalb sinds diesmal nicht so viele Bilder. Nach dem Fund der Kamera war ich jedoch am Montag noch mit meiner Gastschwester in Ikebukuro und dort im Sunshine City Building. Ziemlich coole Bilder.


Am Dienstag habe ich dann Gastfamilie gewechselt. Da hies es Abschied nehmen von Sakura-chan.

Auf dem Weg kam ich in Yokohama vorbei.

Die Zeit im japanisch Kurs ist nun vorbei und ich beginne bald zu arbeiten. Ich freue mich richtig, auch wenn ich etwas Angst habe das mein Japanisch noch viel zu schlecht ist um eine grosse Hilfe zu sein. Die neue Familie wohnt in Hiratsuka, eine Mittelgrosse Stadt etwa eine Stunde von Tokios Zentrum entfernt. Im zweiten Weltkrieg war die Stadt Hiratsuka zum Opfer strategischer Bombardierungen geworden, welche ungefähr die Hälfte aller Häuser der Stadt komplett vernichtet haben. Dies ist heute noch erkennbar an den für Japan untypisch breiten Strassen. Besonders die Hauptrasse die von der Zugstation direkt ans Meer führt ist auffällig breit und ist sogar mit Bäumen bepflanzt. Das Haus meiner Familie liegt in der Nähe dieser Strasse und etwa zehn Minuten vom Meer weg. Wenn das Wetter besser wird soll es da wundervolle Sonnenaufgänge geben. Heute hat es geregnet und deshalb wirkt das ganze eher trisst.

Das nächste Mal gibts dann noch Fotos von meinem neuen Zimmer und der ganzen Familie. Für heute reichen jedoch die Bilder meiner zwei kleinen, neuen Schwestern erstmal. Die sind grad eben nach dem baden in mein Zimmer spaziert. Kawai. :p


Nach all den gescheiterten Versuchen mein Leben auf 20 Kilo zu reduzieren, sitze ich nun hier und habe keine Lust mehr darüber nachzudenken was alles vergessen worden sein könnte. Ich betrachte die schwarze Nacht draussen und versuche mir das blaue Nichts vorzustellen in das ich Morgen hinein fliegen werde. Der Sonne entgegen und anschliessend weg von ihr. Ich bin irgendwie müde, aufgewühlt und zappelig zugleich.

Ich gehe weg. Für eine kalkulierbare Weile, um zu sehen wie es dort so ist. Um mich zu verlieren und um Kirschblüten zu zählen. Oder so.

Jedenfalls nehme ich Abschied von allem, trinke mein letztes Glas Milch und esse das letzte Darvida. Nehme Abschied von allem was im Koffer keinen Platz mehr hatte, meinen armen Stofftieren die alle restlos zurückbleiben und hoffentlich auch bald von der SBB. Und auch von euch. Ich gehe nach Japan für eine gewisse Zeit, für sechs Monate. Ich werde euch hier schreiben, genau in diesem pseudo- depressiv, ironisch-melancholischen Stil.

Dies darf als Drohung verstanden werden.

Sayonara