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Draussen giesst es in Ströhmen. Eigentlich beginnt die Taifun Saison im Herbst. Doch der Supertaifun Songda wird Morgen früh auf den Westteil der japanischen Hauptinsel Honshu treffen. Ich verstehe nichts von Taifunen. Inzwischen fühle ich mich zwar wie ein Erdbebenexperte aber einen Taifun erlebe ich zum ersten Mal. Die japanische Wetterbehörde hat jedoch heute Nachmittag etwas Entwarnung gegeben, allzu gefährlich dürfte es nicht werden. Die Japaner in meinem Umfeld meinten, dass die Stadtgebiete Kobes und Nishinomiyas die nahe am Meer liegen überschwemmt sein würden.

Geh da besser nicht nicht hin morgen, sagen sie. Es ist wie jedes Jahr, sagen sie und ziehen die Schultern hoch. Fast so als wären sie ein wenig froh über diese vorhersagbare, scheinbar berechenbare Katastrophe deren Ende man zu kennen scheint. Von der Hauptsorge der westlichen Medien der Taifun nähere sich Fukushima und richte da weiteren Schaden an hört man hier nichts. Ich denke auch das es sich dabei um die übliche entertaimnent Panikmacherei in diesem Thema handelt. Japan sieht im grossen Pazifik einfach auf dem Globus kleiner aus als es ist.

Zwischen Osaka und Kobe gibt es drei Zuglinien. Die südlichste liegt am nächsten beim Meer und ihr Name ist Hanshin Line. Das Baseball Team der Region trägt den selben Namen, Hanshin Tigers. Dies ist sehr passend, denn wenn man mit der Hanshin Line unterwegs ist trifft man auf die japanische Arbeiterklasse. Müde, frustrierte Gesichter, hängende Köpfe und gesenkte Blicke gehören zum Alltag. Gleichzeitig sind die Leute dort aber etwas offener und auch direkter als sonst. Manchmal nimmt man sogar Gerüche war, etwas was im restlichen Japan so gut wie nie vorkommt.

Die mittlere Linie ist jene des staatlichen Bahnbetriebs JR. Obwohl sie wie die beiden anderen Anschlüsse in alle wichtigen Städte und Bezirke bietet, wird sie oft nur als Verbindung zu den Bahnhöfen der Hochgeschwindigkeitszüge Shinkansen benutzt. Dies liegt vor allem an den etwas höheren Preisen.

Die nördlichste Linie schliesslich ist die Hankyu Line. Die Züge dieser Linie sind Braun und haben einen ziemlich stylischen Retrolook. Alles bei der Hankyu Line passt zusammen, die Haltestellen im hügligen Norden Kobes befinden sich meist über kleinen Flüssen und sind von Bäumen umgeben. Das Bahnperson begrüsst jeden Morgen hunderte Passagiere mit einer Verbeugung und die Züge werden peinlich sauber gehalten. In der Kirschblüten Zeit sah man Pink überall um die Hankyu Line. Auch die Passagiere dieser Züge sind aus einer ganz anderen gesellschaftlichen Schicht. Denn obwohl die Tickets gleich teuer sind, ist es viel einfacher ein Haus im Süden zu erwerben als in den Hügeln des Nordens. Die Gründe liegen mit Tsunamis und Taifunen natürlich auf der Hand. So kommt es das man in der Hankyu Line üblicherweise auf Mädchen trifft die Stunden vor dem Spiegel verbracht haben müssen bevor sie das Haus verlassen haben, immer süss lächeln und sich schüchtern geben. Geredet wird selten, Männer sind Geschäftsleute und deshalb ohnehin seriös. Alles ist ein wenig wie in einem Film. Das passt recht gut, denn statt wie die Hanshin Line einem Sportteam seinen Namen zu geben, hat die Hankyu Line vor einigen Wochen einen neuen Kinofilm mitfinanziert. Titel: Hankyu Densha (Zug).

Ich fahre jeden Tag mit der Hankyu Line aber wenn ich mich setze bleibt der Platz neben mir üblicherweise auch dann leer wenn der Zug voll ist. Ich glaube nicht das dies etwas mit Rassismus zu tun hat. Es ist eher eine gewisse Angst und Schüchternheit, denn Ausländer sieht man hier wo ich wohne sehr selten. Wenn ich jemanden etwas frage wird mir ausgesprochen freundlich weitergeholfen. Es ist überall das gleiche. In Japan haben viele Leute, gerade aus den gehobenen Schichten eine enorme Angst Fehler zu machen. Selbst kleine Dinge scheinen bei ihnen manchmal enorme Scham auszulösen. Deshalb erscheinen sie sehr Zurückhaltend und Würdevoll. Den ersten Schritt zu ihnen hin muss man jedoch immer selbst machen, selbst wenn sie sich enorm für einen interessieren.

Und man kämpft immer wieder gegen den Gedanken an das man trotz all der Freundlichkeit die einem zuteil wird und all der Lächeln die einem geschenkt werden, vielleicht ja doch nicht willkommen sein könnte. Es braucht wohl Selbstvertrauen sich in Japan wohlzufühlen. Vielleicht gelingt das deshalb vielen Deutschen so gut.

Mir gelingt es auch immer besser, man muss sich nur daran gewöhnen.

Die Felder sind einfarbig und die Farbe der Kanji auf den Figuren ist etwas abgetragen. Die Partie schon so gut wie verloren. So viel erkenne ich trotz den Schwierigkeiten inzwischen. Aufgegeben wird aber nicht, deshalb studiere ich weiter das Shogi Brett. Meine beiden Generäle liegen auf Herrn Maedas Seite neben einigen anderen Figuren, die er laut den Regeln des Spiels jederzeit an einem Beliebigen Ort wieder einsetzen kann. Dies verschlechtert meine missliche Lage natürlich zusätzlich. Einzig ein verzweifelter Vorstoss auf der Rechten Seite könnte mich retten, jedoch nur wenn mein Gegenüber unvorsichtig wird. Auf einenmal frage ich mich warum Herr Maeda seinen Zug nicht endlich macht, hebe meinem Blick und merke endlich das er eingeschlafen ist.

Ich habe seit einiger Zeit nicht mehr geschrieben. Es war nur eine Woche in der kaum etwas passiert ist und auf einmal war ich aus dem Rhythmus gefallen. Viel Stoff zum schreiben hätte ich aber schon gehabt.

Nachdem ich mich entschieden hatte für längere Zeit von Tokio und damit auch von Fukushima wegzubleiben, habe ich mich daran gemacht hier in der Umgebung eine Arbeit zu finden. Einige Tage habe ich in einem Volunteer Center in Kobe gearbeitet. Dort habe ich Spenden in Kisten gepackt für die Erdbebenopfer. Nach kurzer Zeit wurde dieses Center jedoch geschlossen wieso habe ich nicht ganz verstanden. Ich glaube es wurde viel mehr gespendet und eingepackt als transportiert werden konnte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte aber meine Organisation bereits eine neue Arbeit für mich gefunden. In einem Altersheim in Kobe. Dort ist meine Aufgabe eigentlich vor allem den alten Leuten die Langweile zu nehmen. Ich höre mir ihre Geschichten an von denen ich gerade anfangs kaum etwas verstanden hatte oder mir passiert etwas lustiges, was nur einem Ausländer passieren kann. Diese Arbeit ist manchmal etwas Emotional, manchmal stirbt jemand ohne das ich wusste das etwas anders ist als sonst.

Nur eine einzige Person in dieser Institution spricht English. Das hat mir enorm geholfen mein japanisch zu verbessern, gerade weil meine Aufgabe fast nur aus Reden besteht. Das hat mich auch zum lernen angetrieben. Nur lesen kann ich nichts, nicht einmal die Schlagzeilen einer Zeitung oder die Werbung im Zug. Inzwischen habe ich jedoch einige Läden mit englischen Ausgaben japanischer Zeitschriften und deutscher Bücher gefunden. Ich lese momentan gerne Bücher von japanischen Autoren. Ich glaube nicht das sie mir bevor ich hier war gefallen hätten. Viele Gefühle, Handlungen und Gespräche kommen einem vermutlich seltsam vor wenn man nicht hier ist. Mir helfen diese Bücher zwar nicht japanisch zu lernen aber sie helfen die Menschen und Zusammenhänge hier etwas besser zu verstehen.

Das Heim hat fünf Stockwerke. Die Leute im fünften Stock haben alle Alzheimer und für den Lift braucht man einen Code. Es ist jedes Mal eine grosse Fragerei wenn ich dorthin komme und alle freuen sich zum ersten mal einen Ausländer auf dieser Etage zu sehen. Im vierten Stockwerk sind Patienten mit Physischen Problemen, was sie haben weis ich meistens nicht. Hier sitzt auch Herr Maeda. Immer am selben Tisch und schaut zum Fenster hinaus auf Shinkaichi, ein grauer Vorort Kobes. Er hat mir japanisches Schach beigebracht. Das dritte Stockwerk verstehe ich nicht so richtig, den Leuten dort scheint es gut zu gehen und sie sind auch gut gelaunt. Fast alle schlafen jedoch mehr als in den anderen Stockwerken. Ausserdem wechseln die Patienten dort öfter. Im zweiten Stockwerk sind Tagsüber Senioren die Zuhause wohnen. Sie werden morgens abgeholt und abends nach Hause gekarrt. Dort ist immer viel los.

Ich arbeite in allen Stockwerken und mir wird viel gezeigt. Langweilig wird es nie. Ich bekomme einfach vieles nicht mit aber dafür haben alle Verständnis. Das Heim hat auch einige Senioren aufgenommen die das Erdbebengebiet verlassen mussten. Ich bin jeden Tag erstaunt wie freundlich und dankbar alle dort sind. Aller Schmerz und jede Situation wird mit einer enormen Würde ertragen.

Alles was du bekommst wird dir genommen werden. Alles was du erschaffst wird wird zerstört werden. Alles was du hast wird bedeutungslos sein.

Das habe ich in Eihei-ji gelesen, einem Buddistischem Kloster in den Bergen von Fukui. Es mag seltsam klingen aber in diesen drei Sätzen habe ich enormen Trost gefunden und sie haben mir auch geholfen die Japaner etwas besser zu verstehen.

Über Ostern sind wir nach Kanazawa gefahren. Eine wunderschöne Stadt mit vielen alten Vierteln und Märkten sowie einer Burg mit einem gigantischen Park im Stil simpler japanischer Perfektion. Auf dieser Reise habe ich auch das japanische Meer gesehen, bin mit meinem Gastvater über Reisfelder gejoggt und wir haben täglich drei Termalbäder im Hotel genommen. Ich habe sowieso richtig viele Orte gesehen aber noch interessanter als das sind die Leute die ich kennengelernt habe. Niemals hätte ich mir erträumen können, dass ich in meiner kurzen Zeit hier in Japan so viele Leute treffe und so viel über dieses Land lernen darf.

Ich habe viele Geschichten die ich erzählen möchte. Gleichzeitig möchte ich jedoch auch nur so viel schreiben, wie auch jemand lesen mag. Deshalb lasse ich es für Heute erst einmal gut sein. Wie gern ich schreiben würde, habe ich leider erst bemerkt als mein Computer vor ein paar Tagen kaputtging. Jetzt will ich jedenfalls wieder damit anfangen regelmässig hier etwas reinzustellen.