Leider habe ich auf meinem Laptop kein Internet, deshalb sieht dieser Eintrag etwas anders aus.

Als ich mich am Montag morgen auf den Weg nach Osaka gemacht habe, war die Situation in Tokyo denkbar schlecht. Die Kernschmelze schien warscheinlich bis sicher und die Wetterbehoerde hatten einen Windwechsel angekuendigt im Verlauf des Vormittags. Als ob das nicht schon genug gewesen waere wurde ebenfalls vorausgesagt das es am Nachmittag ueber Tokyo regnen wuerde. Genau dann also wenn die Wolke ueber Tokyo angekommen waere.

Ich habe mich deshalb auf alles gefasst gemacht als ich mit meinem etwas verkleinerten Koffer auf den Weg zum Bahnhof gemacht habe. Ueberfuellte Zuege hatte ich mir vorgestellt und verstopfte Strassen. Doch ich wurde einmal mehr ueberrascht. Im Bahnhof war zwar ein reger Betrieb, jedoch fast nur in Richtung Tokyo. Die Zuege fuhren wieder, also gingen die Bewohner Tokyos wieder arbeiten. Ich sah High School Schuelerinnen in Miniroecken und Kindergartenkinder mit gelben Hueten, ein ganz gewoenlicher Morgen. Keine Schule hatte geschlossen, obwohl es besser waere drinnezubleiben. Die Atemschutzmasken, in die die Japaner in Fruehling wegen dem Bluetenstaub so verliebt sind, sah ich eher weniger als mehr, trotz hoher Pollenbelastung. Vielleicht als demonstration der Staerke. Alles erscheint bewundernswert irrsinnig.

Der Shinkansen Zug Richtung Osaka war beinahe leer. Einige Muetter mit kleinen Kindern, waren die einzigen die Gepaeck dabei hatten. Meine eigene Gastmutter habe ich leider nicht davon ueberzeugen koennen das es besser waere fuer einige Tage wegzufahren. Als Grund gab sie an, das die aeltere Tochter die Abschlusszeremonie im Kindergarten verpassen wuerde. Da gibt es schliesslich Kuchen und Kekse.

Alles ist ok in Tokyo und vorrerst ist die nukleare Katastrophe ausgeblieben. Ich bin trotzdem froh etwas weiter weg von dem allem zu sein. Hier warte ich jetzt einige Tage ab was passiert. Ich wohne hier nun bei der Tochter meiner ersten Gastfamilie, sie lebt mit ihrem Mann hier in Osaka, war jedoch mit ihrer eigenen Tochter in Tokyo als ich bei ihren Eltern gewohnt hatte. Zwei Freundinnen von ihr und ihre Mutter sind gestern ebenfalls mit ihren Kindern hier eingetroffen. Jetzt leben wir hier zusammen auf engsten Raum, japanische Wohnungen sind jedoch fuer so etwas eingerichtet (mehrfachnutzung und veraenderbarkeit aller Raeume) und es wird nicht besonders unangenehm.

Die Gelassenheit mit der in Japan all diese Verluste hingenommen werden ist erstaundlich. Jeder nimmt die Kriese Ernst, alle wissen wie Lebensbedrohlich diese Kriese fuer die Menschen, die Wirtschaft und die Zukunft des Landes ist.  Im Fernseher werden Leute in Katastrophengebiet des Erdbebens gefragt wie es ihnen geht. Heute haetten sie wieder etwas zu Essen und Wasser, es gehe ihnen sehr gut dort. Bald koennten sie selbst beim Aufraeumen mithelfen. Obwohl diese Leute alles verloren haben und nicht wissen was kommen wird, lachen im Hintergrund Kinder und versuchen sich ins TV Bild zu draengen. Das ganze Land weis nicht was kommen wird. Es gibt keine Traenen, nur ein enormes Mass an Wuerde.

Heute habe ich mit einem vierjaehrigen Jungen ein Kloetzchenturm gebaut. Er hat enorm gewackelt, ist jedoch trotzdem eine ganze Weile stehen geblieben. “Nippon”, hat die Grossmutter die daneben sass, gesagt und den Turm halb lieblich, halb sehnsuechtig angelaechelt. Japan.

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