Da ist ein Mann im Fernsehen, in einem Laden dessen Besitzer er offensichtlich ist. Er steht fast bis zu den Knien im Wasser und versucht mit der Schaufel in seiner Hand irgendetwas wegzuschaufeln. Das Geschehene vielleicht, denke ich mir. Doch dann hält ihm jemand ein Mikrofon hin. Der Mann sagt er wolle seinen Laden bald wieder aufmachen und hofft das es seinen Kunden gut gehe. Und mir wird mit einem Mal klar das er wirklich dabei war das Wasser des Tsunamis aus seinem Laden zu schaufeln. Dieser Laden steht irgendwo in Sendai. Irgendwo inmitten dieser Landmasse die zuerst bebte, dann von einem mehr als sieben Meter hohen Tsunami überollt wurde. Ein Tsunami der zuvor ein Öllager getroffen hatte, wegen dem alles was überig blieb zu brennen begonnen hatte.

 

Und doch glaube ich diesem Mann jedes Wort. Er wird seinen Laden aufräumen, auch wenn es bedeutet das er das ganze Haus wieder aufbauen muss – am genau gleichen Ort. Man mag nun denken die Japaner seien stur. Doch dies ist ein Missverständniss. Sie verstehen die Natur auf eine andere Weise als wir es tun. Der Vulkan ist der Boden auf dem Japan steht, die Erdbeben waren schon immer da und werden es immer sein. Das Meer bietet den Japanern viel, dafür müssen sie die Tsunamis ertragen. Alles wird zerstört und wieder aufgebaut, jede Stadt genau da wo sie gewesen ist. Genau wie Hiroshima.

 

Meine eigenen Gefühle einzuschätzen fällt mir momentan schwer. Wir waren auf diesem Trip, zu Mt. Fuji. Es war alles wunderschön, alles surreal. Jeder Tag war perfekt und dann kamen wir am Abend ins Hotel und sahen am Fernseher Atomkraftwerke explodieren und die Opferzahlen des Erdbebens und des Tsunamis ansteigen. Auf dem Heimweg haben wir dann den Wagen vollgetankt und Hakone alle möglichen Vorräte gekauft. Wasser, Reis, Vitamine, Salz, Zucker, Kerzen, Batterien und Akkus, alles wurde aufgestockt. Als wir dann wieder in Hiratsuka ankamen, sahen wir viele geschlossene Tankstellen und kilometerlange Autoschlangen vor den noch geöffneten. Viele Läden waren ebenfalls geschlossen oder beinahe ausverkauft.

 

Die Züge fahren in Hiratsuka ebenfalls noch nicht, vielleicht morgen irgendwann. Deshalb wäre es sehr schwierig von hier wegzukommen. Das EDA hat allen Schweizer Bürgern in der Region Tokyo/Yokohama empfohlen darüber nachzudenken ob ihr Aufenthalt dort nötig ist und wenn nicht die Ausreise aus dem Land in Betracht zu ziehen. Ich wohne etwas westlich von Yokohama und betrachte meinen Aufenthalt hier nicht unbedingt als notwendig, deshalb habe ich mir überlegt in den westen Japans zu gehen. Das werde ich morgen auch tun, wenn morgen noch alles so ist wie es heute Abend war. Die ersten Züge sind nämlich wieder gefahren heute. Die Tochter meiner ersten Gastfamilie wohnt mit ihrer eigenen Familie in Osaka und sie hat mir angeboten das ich eine Weile dort bleiben könnte, bis alles etwas besser ist.

 

Heute sitze ich hier und warte so halb auf den Super GAU. Das dieser nicht eintritt glauben nur noch die wenigsten Japaner. Doch sie schaffen es auf mir unverständliche Weise ihm eiskalt ins Auge zu blicken. Oder direkt an ihm vorbei. Es gibt keine Panik, Kinder gehen immer noch zur Schule und jeden Tag versammeln sich Tausende Geschäftsleute vor den geschlossenen Bahnhofen um dort eine Kolonne zu bilden. Um dort auf den Zug zu warten, von dem sie wissen das er nicht kommt.

 

Alles was den vierzig Millionen Menschen rund um Tokyo, den zwei kleinen Mädchen meiner Gastfamilie und dem Rest der Welt bleibt ist das hoffen auf Westwind. Und Wind ist bekanntlich eine ziemlich ungünstige Sache um sich daran festzuhalten.

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