Wir machten gerade Pause und eine meiner älteren Kolleginnen, die ausschlieslich japanisch spricht, versuchte mir einige neue Origami Figuren beizubringen. Origami-Seinsei (Falt-Meister oder Lehrer) wie ich sie nenne, kann eigentlich alles falten was man sich vorstellen kann. Von einem aufblasbaren Hasen, über einen Pfau mit Federrad bis zu einem aufklappbaren Geschenkekorb. Und ich war Teil davon.

Bei den ersten Figuren war ich noch recht gut bei der Sache aber nach einer Weile wurde ich müder und müder, ich war tatsächlich beinahe am einschlafen. Auf einmal denke ich mir sei schwindlig, auf diese neue mir unbekannte Weise, die ich nur von hier kenne. Doch als ich mich umsehe, sehe ich lächelnde Japanerinnen, „Jishin“, sagen sie alle ruhig aber etwas zu wild durcheinander – Erdbeben. Eines der Worte die ich mir recht schnell merken konnte. Schnell wurde das Gas ausgeschaltet und alle begaben sich zur Tür hinaus ins freie.

Benommen wie ich noch immer war, torkelte ich eilig hinterher und als wir dann draussen waren ging es erst richtig los. Man fühlt sich absolut hilflos, man kann absolut gar nichts machen, nichts kontrollieren. Man hält sich irgendwo fest und wartet bis es vorbei ist – im besten Fall.

Ich stand mit verschränkten Armen drei Minuten lang in der zitternden Welt herum. Drei sehr lange Minuten. Auf der anderen Seite der Strasse sah ich ein Mädchen stehen, dass auf den Bus wartete. Sie ging in die Hocke, wie es alle Japaner machen, wie ich es wohl auch hätte machen müssen. Aber ich wusste nichts über Erdbeben, stand einfach da bis es vorbei war und dachte dann „Das ist also eine Erdbeben, dank Japan bin ich wiedermal um eine Erfahrung reicher. Lass uns weiterarbeiten.“ Die Abläufe aller Leute rund um mich herum waren mir so natürlich vorgekommen, dass ich dachte so etwas geschehe halt ab und an in Japan.

Nun weiss ich das dieses Erdbeben das weltweit fünfstärkste seit Messbeging war. Da war mir das nicht klar. Telefone lagen brach und bald darauf ging die Tsunami Warnung los. Alle machten sich auf den Weg nach Hause und ich ging in den Supermarkt um mir was zu trinken fürs Fussballspielen später zu kaufen. Natürlich waren alle sehr nervös aber niemand konnte mir genaueres erklären und weil alle so aufgebracht waren funktionierte nur noch sehr höfliches aber enorm schnelles Japanisch, das ich leider kaum verstehe.

Jedenfalls wollte ich nach Yokohama, schliesslich war ich da mit meinem Gastvater verabreted. Als ich jedoch am Bahnhof ankam wurde mir so einiges etwas klarer. Hunderte Leute standen in langen Schlangen überall wo irgendwann wieder ein Bus oder ein Zug eintreffen sollte. Es gab keine Nervosität oder Panik. Jemand der nichts von dem Erdbeben gewusst hätte, wäre wohl gar nicht auf die Idee gekommen zu fragen was los ist. Es waren nur viel mehr Leute als sonst und es wurden immer mehr.

Auf einmal bebte die Erde erneut und ich sah hunderte Japaner wie auf Kommando in die Hocke gehen. Alles wirkte perfekt eingespielt. Der Zug nach Yokohama fuhr nicht. Jetzt bin ich dafür dankbar, mein Gastvater kam vorhin nach Hause. Nach einem sechsstündigen dreissig Kilometer Marsch, mit tausenden anderen die wegen dem Ausfall der Züge von der Arbeit den Gleisen oder Strassen entlang nach Hause pilgerten. Durch Gebiete ohne Strom, in denen Convience Stores im Taschenlampenlicht ihre Ware weiterverkauften. Im Bahnhof von Yokohama stecken auch jetzt noch an die 40’000 Leute fest. An Tokyo mag gar niemand so richtig denken.

Doch der Japaner lächelt weiter. Egal ob Kernkraftwerke und Tanklager brennen. Egal der Tokyotower einen Knicks hat. Egal ob die Natur gerade gewonnen hat. Oder vielleicht dem allem zu trotz, der Japaner lächelt weiter. Japan wird sich wieder aufbauen, auch nach diesem Erdbeben. Japan macht das schon seit Jahrhunderten, immer und immer wieder, nur jedes Mal ein bisschen besser.

Mir geht es gut. Morgen gehen wir hoffentlich wie geplant einige Tage in die Berge, da würde ich mich wohler fühlen jetzt gerade, wegen den Tsunamis. Für heute Nacht werde ich gezwungen mit Helm, Wasservorrat und Essen unter dem Küchentisch im ersten Stock zu schlafen. Vielleicht ist es besser so.

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