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Baseball ist ein langweiliger Sport. Man muss es ganz ehrlich sagen. Besonders für Europäer, schliesslich kennen die meisten von uns kaum die elementarsten Regeln. Hier in Nishinomiya ist das jedoch ein wenig anders. Hier steht das Hanshin Koshien Stadium, wo jedes Jahr zweimal die High School Baseball Wettkämpfe Japans stattfinden.


Das erste Mal von Koshien gehört, habe ich schon in meiner ersten Woche in Japan. Jeder freute sich ein wenig darauf, Baseball ist der moderne Nationalsport und Schulbaseball ist den Japanern mindestens ebensowichtig wenn nicht sogar um einiges wichtiger als die professionellen Baseball Ligen. Das wusste ich alles bevor ich nach Nishinomiya kam.


Was ich jedoch nicht wusste, war das diese ganze Meisterschaft immer in einem einzigen Stadion stattfinden und von dort aus auf dem ersten Kanal des Staatsfernsehens ins ganze Land übertragen wird. Was ich auch nicht wusste, war das es seit fast 100 Jahren immer das gleiche Stadion ist und das dieses Stadion nur zwanzig Minuten von meinem Haus entfernt ist. Nishinomiya kennt niemand, aber wenn man dann sagt da sei das Koshien Stadion, weis sofort jeder Japaner wovon man redet.

Jedenfalls haben mein Gastvater und ich uns gestern unseren O-Bento (Lunchbox) vorbereitet und sind dahin. Ich glaube die Japaner mögen das Schulbaseball etwas mehr als die Profiligen weil die Schüler wirklich alles geben und es mehr um den Kampfgeist geht als um Perfektion und Geld. Wobei Geld schon auch eine Rolle spielt, Privatschulen sind meistens besser trainiert als andere und manchmal werden gute Spieler auch von einer anderen Schule umworben. Die Japaner fiebern deshalb meistens mit den öffentlichen Schulen etwas mehr mit.


Es soll etwas stiller sein im Stadion wegen des Erdbebens und wenn die Teams aus den Kriesenregionen spielen, etwas emotionaler zugehen als sonst. Das wurde mir jedoch nur erzählt, ich fand die Atmosphäre fröhlich und gut.

Ausserdem war ich seit meinem letzten Eintrag einige Male mehr in Osaka. Bei meinem ersten Besuch war ich von dieser Stadt nich unbedingt begeistert. Es gibt zwar viele beeindruckende Gebäude aber irgendwie kam mir die Stadt so leer, ja fast tod vor. Alles war sehr seltsam, ich dachte es seien vielleicht wegen dem Erdbeben weniger Leute auf der Strasse. Den Japanern denen ich gesagt habe der Bereich in Osaka um den Hauptbahnhof sei mir leer vorgekommen, war unverständlich was ich meine. Als ich jedoch erneut nach Osaka gegangen bin, habe ich herausgefunden wo alle Leute sind. Man kann vom Hauptbahnhof in Osaka unterirdisch jeden anderen Ort auf der Welt erreichen. Der Hauptbahnhof von Osaka befördert täglich mehr als 2.3 Millionen Menschen und jeder davon bewegt sich unterrirdisch. Man kann unterirdisch ins Büro arbeiten gehen und man kann ins Einkaufszentrum spazieren – oder in den Vergnügungspark. Osaka ist gut ausgerüstet, falls die nukleare Bedrohung diesen Ort auch erreichen sollte. Eigentlich ist es ein einziges grosses Gebäude. Ich kam mir vor wie in einem Ameisenhaufen.

Das ich hier über Basebal und Osaka schreibe, sagt wohl viel aus über die Situation im Zusammenhang mit dem Erdbeben und Fukushima. Niemand hier ignoriert das Problem oder spielt sie herunter, sondern man versucht einfach auch ab und zu an andere Dinge zu denken. Wasser kann man seit einigen Tagen schon nicht mehr in jedem Supermarkt kaufen und in jenen wo man es noch kann wird es meistens auf vier oder fünf Liter rationiert. Ausserdem sind manche Hausfrauen ganz aus dem Häusschen weil das Gemüse (besonders Spinat) und die Milch hier viel billiger wurde. Aus der Region Fukushima kommen die zwar hier nicht aber viele Leute scheinen sich nicht mehr so ganz wohl zu fühlen, wenn sie diese Dinge essen.


Ich habe mich nun entschlossen hier zu bleiben und zumindest in den nächsten Monaten nicht nach Hiratsuka zurückzukehren. Die Familie bei der ich hier wohne hat mir schon vor langer Zeit angeboten für meinen ganzen Aufenthalt hier zu bleiben und das mache ich jetzt auch. Traurig die andere Familie in Hiratsuka einfach so zurückgelassen zu haben, bin ich schon. Sie haben unglaublich viel für mich gemacht und sich enorm viele Dinge vorgenommen die sie mit mir unternehmen wollten. Daher hoffe ich wirklich das sie meine Entscheidung verstehen werden und nicht denken es hätte etwas mit ihnen zu tun.


Der Vater meiner neuen Gastfamilie hier in Nishinomiya arbeitet für Kepco, dem Stromversorger der Region Kansei. Dies ist das Gegenstück zum Unternehmen Tepco welches die Region rund um Tokio versorgt. Ausserdem ist Tepco der Betreiber Fukushimas und die momentane Verkörperung des Bösen für unsere westliche Antiatomkraftbewegung.


Auch Kepco hat einige Atomkraftwerke und mein Gastvater arbeit in der Werbeabteilung. Seine Loyalität zu seinem Unternehmen und auch zu Tepco, mit welchem seine Firma öfter einmal zusammenarbeitet, war als ich hier in den ersten Tagen nach den Erdbeben ankam unerschüttert. Er war der absolut festen Überzeugung die Verantwortlich würden die Lage in kürzerster Zeit wieder unter Kontrolle haben. Gleich am ersten Abend erklärte er mir auch ganz genau was in den Reaktoren um Fukushima passiert sei. Verkaufen kann er wirklich gut aber er hatte auch nicht mehr Informationen als ich sie aus den Nachrichten hatte und ich war um einiges skeptischer als er.


In den letzten zwei Wochen konnte man einen sichtbaren Resignierungsprozess an ihm mitverfolgen. Ein Japaner kündigt natürlich nicht einfach seine Anstellung aber das er sich immer unwohler fühlt ist deutlich festzustellen. Schliesslich hat er in seinem gesamten bisherigen Berfusleben nichts anderes gemacht als den Japanern Atomkraft als sicher und zukunftsträchtig zu verkaufen. Er wirkt jedoch nicht depressiv, nur wie jemand der auf einmal feststellt das seine Zukunft und die seiner sehr jungen Familie viel ungewisser ist als er sie sich vorgestellt hat.

In den letzten Tagen unterhalte ich mich oft mit ihm über erneurerbare Energien, minergie Häuser, Grossheizungen, Stromsparlösungen und den Sinn und Unsinn von Gaskraftwerken. Er kennt das alles, sagte mir jedoch vor zwei Wochen noch die Japaner würden niemals höhere Energiepreise in kauf nehmen. Gestern jedoch meinte er bereits, alle in seinem Unternehmen denken nun über diese neuen Wege um von der Atomkraft wegzukommen nach, auch jene die vor einem Monat noch darüber gelacht hatten. Wie er selbst auch.

Bilder werden vergrössert wenn man drauf klickt.

Weiterführende Links (english):

Das Koshien Stadion in Nishinomiya: http://en.wikipedia.org/wiki/Koshien_Stadium

Osaka Station: http://en.wikipedia.org/wiki/%C5%8Csaka_Station

Wieder einmal steigt Rauch oder Dampf aus zwei der beschädigten Reaktoren in Fukushima auf. Gestern hatte es fast angefangen etwas besser auszusehen aber natürlich habe ich und wohl auch alle anderen mit weiteren Rückschlägen gerechnet.


Am Freitag habe ich die Stadt Kobe besucht. Vor 16 Jahren wurde sie beim letzten grösseren Erdbeben in Japan sowie anschliessenden Bränden fast komplett zerstört. 5000 Menschen sind damals gestorben. Damals haben Experten gesagt, die Stadt würde zehn Jahre brauchen bis alles wieder aufgebaut sei. Doch schon nach zwei bis drei Jahren war die Infrastruktur wieder hergestellt. Und als ich nun Kobe besucht habe, erschien es mir unvorstellbar das all dies in weniger als zwanzig Jahren wiederaufgbeaut worden war. Auf einem Ausläufer der Stadt ins Meer hinaus, gibt es ein Memorial für jenes Erdbeben von damals, dort bin ich hingegangen und habe auf einmal wieder richtig viel Hoffnung gehabt. Zerstörte Gebäude, verlorene Erinnerungen und vernichtete Verbingungswege sind nichtig, solange Menschen zurückbleiben mit genug Kraft um alles wieder aufzubauen. Humankapital ist alles, und genau davon hat Japan viel.

Ich habe eine wirklich gute Zeit in Osaka. Für meine Organisation kann ich nun einige Büroarbeiten von Zuhause aus erledigen. Die Verwandten meiner Gastfamilie hier sind Heute mit ihren Kindern wieder zurück nach Tokyo gereist, weil sie die Lage für sicher genug halten. Jetzt ist alles auf einmal sehr ruhig geworden und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile sitze ich allein vor dem Computer und habe Zeit zum Blog schreiben, ohne Kinder die spielen wollen oder Omas die jemanden zum reden suchen.


Morgen gehe ich vielleicht noch einmal nach Kyoto. Dies ist ebenfalls eine wundervolle Stadt, wo es besonders aus historischer Sicht einiges zu sehen gibt. Nirgends in Japan gibt es mehr alte Gebäude, Schreine, Tempel und Festungen zu besichtigen. Himeji mit seiner gigantischen Burg ist auch nicht weit weg von hier, leider wird sie zur Zeit jedoch restauriert. Vielleicht gehe ich im Verlauf der Woche trotzdem einmal hin, schliesslich ist dies die Grösste von Japans verbliebenen Feudalburgen.

Ich wohne überigens nicht in Osaka selbst sondern in einer kleineren Stadt zwischen Osaka und Kobe namens Nishinomiya. Hier gibt es einen kleinen Fluss um den viele Kirschbäume gepflanzt sind. Bald ist es soweit, gestern war der Feiertag des Beginns des Frühlings. Diese Zeit scheint sehr wichtig zu sein für die Japaner. Vielleicht hat die Kirschblüte, die unter anderem für die Hoffnung auf das Ende des Winters, Aufbruch und die Vergänglichkeit steht, dieses Jahr eine noch stärkere Bedeutung für die Japaner. Schön wärs auf jeden Fall.


Wenn man einfach so durch die Strassen geht würde man sich niemals denken das irgendetwas ungewöhnliches passiert ist. Die Leute hier in der Kansai Region verstehen Tokyo ganz allgemein als etwas was enorm weit weg ist. Doch wenn man mit den Leuten spricht, wird einem klar, dass sich hinter dieser bewundernswerten Maske aus Würde und freundlicher Unbesorgtheit, eigentlich die gleichen Ängste verbergen wie bei allen Menschen. Es wird nur auf eine ganz andere Weise damit umgegangen. Sie werden auf eine andere Weise ausgesprochen, weniger deutlich, weniger klar und haben dadurch eine ganz andere Bedeutung. Wenn hier jemand weint, bedeutet es etwas anderes als an einem anderen Ort. Es wird nicht geklagt, es gibt kaum Verbitterung gegen das Unveränderbare. Es gibt nur das Ende dessen was man zu Kontrollieren fähig ist und erst dies ist der Punkt an dem die Tränen kommen. Und selbst dann, selbst wenn alle wissen wie gross dieser Schmerz ist, gibt es jene die sich aufgrund dieses Anzeichens der Schwäche verachtungsvoll abwenden und dann kehrt die Kontrolle zurück, aus Scham.


Manch einer fragt sich wohl warum ich nicht einfach nach Hause komme. Ich weis es selber nicht so genau. Ich weis nur das es für mich im Moment die falsche Entscheidung wäre. Vielleicht komme ich nicht nach Hause, weil ich die Hoffnung nicht so einfach aufgeben will. Vielleicht weil ich es vor dem Erdbeben hier so gut hatte und ich mich auch jetzt sehr wohl fühle. Vielleicht weil ich nicht viele Japaner kenne die verstehen würden, warum ich auf einmal flüchten will. Vielleicht auch weil ich Angst habe, dass einfach wegzugehen und alles so plötzlich zurückzulassen in mir ebensogrossen Schaden anrichten würde wie das Risiko zu bleiben. Ich glaube ich bin kein schlechter Verlierer aber mit dem Aufgeben, selbst wenn es wohl sinnvoller wäre, habe ich es nicht so gut.


Die Veränderung meiner Ganzen Situation war so schockartig, dass ich wohl noch eine ganze Weile brauchen werde bis ich mir wirklich bewusst werden kann was überhaupt passiert ist. Ich bin aber niemand der in Panik verfällt nur weil er sich nicht in der Lage fühlt eine Situation ganz zu erfassen, denn wann können wir das schon? Ich will nicht einfach aus Sturheit hierbleiben oder ähnliches, sondern aus der festen Überzeugung das die Situation noch nicht ganz verloren ist. Und weil ich die Leute hier nicht einfach verlassen will. Wohl auch weil ich mich nicht als Touristen verstehe. Weil alle Begegnungen und Erfahrungen hier, etwas mir unbekanntes, einzigartiges in sich zu tragen scheinen. Weil andere Volunteers meiner Organisation in anderen Ländern auch Problemen und Bedrohungen ausgesetzt sind? Ich weis es wirklich nicht. Ich hoffe nur, dass dieses Unwissen vielleicht auf ein bisschen Verständnis stösst.

(Bilder können durch anklicken vergrössert werden.)

Leider habe ich auf meinem Laptop kein Internet, deshalb sieht dieser Eintrag etwas anders aus.

Als ich mich am Montag morgen auf den Weg nach Osaka gemacht habe, war die Situation in Tokyo denkbar schlecht. Die Kernschmelze schien warscheinlich bis sicher und die Wetterbehoerde hatten einen Windwechsel angekuendigt im Verlauf des Vormittags. Als ob das nicht schon genug gewesen waere wurde ebenfalls vorausgesagt das es am Nachmittag ueber Tokyo regnen wuerde. Genau dann also wenn die Wolke ueber Tokyo angekommen waere.

Ich habe mich deshalb auf alles gefasst gemacht als ich mit meinem etwas verkleinerten Koffer auf den Weg zum Bahnhof gemacht habe. Ueberfuellte Zuege hatte ich mir vorgestellt und verstopfte Strassen. Doch ich wurde einmal mehr ueberrascht. Im Bahnhof war zwar ein reger Betrieb, jedoch fast nur in Richtung Tokyo. Die Zuege fuhren wieder, also gingen die Bewohner Tokyos wieder arbeiten. Ich sah High School Schuelerinnen in Miniroecken und Kindergartenkinder mit gelben Hueten, ein ganz gewoenlicher Morgen. Keine Schule hatte geschlossen, obwohl es besser waere drinnezubleiben. Die Atemschutzmasken, in die die Japaner in Fruehling wegen dem Bluetenstaub so verliebt sind, sah ich eher weniger als mehr, trotz hoher Pollenbelastung. Vielleicht als demonstration der Staerke. Alles erscheint bewundernswert irrsinnig.

Der Shinkansen Zug Richtung Osaka war beinahe leer. Einige Muetter mit kleinen Kindern, waren die einzigen die Gepaeck dabei hatten. Meine eigene Gastmutter habe ich leider nicht davon ueberzeugen koennen das es besser waere fuer einige Tage wegzufahren. Als Grund gab sie an, das die aeltere Tochter die Abschlusszeremonie im Kindergarten verpassen wuerde. Da gibt es schliesslich Kuchen und Kekse.

Alles ist ok in Tokyo und vorrerst ist die nukleare Katastrophe ausgeblieben. Ich bin trotzdem froh etwas weiter weg von dem allem zu sein. Hier warte ich jetzt einige Tage ab was passiert. Ich wohne hier nun bei der Tochter meiner ersten Gastfamilie, sie lebt mit ihrem Mann hier in Osaka, war jedoch mit ihrer eigenen Tochter in Tokyo als ich bei ihren Eltern gewohnt hatte. Zwei Freundinnen von ihr und ihre Mutter sind gestern ebenfalls mit ihren Kindern hier eingetroffen. Jetzt leben wir hier zusammen auf engsten Raum, japanische Wohnungen sind jedoch fuer so etwas eingerichtet (mehrfachnutzung und veraenderbarkeit aller Raeume) und es wird nicht besonders unangenehm.

Die Gelassenheit mit der in Japan all diese Verluste hingenommen werden ist erstaundlich. Jeder nimmt die Kriese Ernst, alle wissen wie Lebensbedrohlich diese Kriese fuer die Menschen, die Wirtschaft und die Zukunft des Landes ist.  Im Fernseher werden Leute in Katastrophengebiet des Erdbebens gefragt wie es ihnen geht. Heute haetten sie wieder etwas zu Essen und Wasser, es gehe ihnen sehr gut dort. Bald koennten sie selbst beim Aufraeumen mithelfen. Obwohl diese Leute alles verloren haben und nicht wissen was kommen wird, lachen im Hintergrund Kinder und versuchen sich ins TV Bild zu draengen. Das ganze Land weis nicht was kommen wird. Es gibt keine Traenen, nur ein enormes Mass an Wuerde.

Heute habe ich mit einem vierjaehrigen Jungen ein Kloetzchenturm gebaut. Er hat enorm gewackelt, ist jedoch trotzdem eine ganze Weile stehen geblieben. “Nippon”, hat die Grossmutter die daneben sass, gesagt und den Turm halb lieblich, halb sehnsuechtig angelaechelt. Japan.

Da ist ein Mann im Fernsehen, in einem Laden dessen Besitzer er offensichtlich ist. Er steht fast bis zu den Knien im Wasser und versucht mit der Schaufel in seiner Hand irgendetwas wegzuschaufeln. Das Geschehene vielleicht, denke ich mir. Doch dann hält ihm jemand ein Mikrofon hin. Der Mann sagt er wolle seinen Laden bald wieder aufmachen und hofft das es seinen Kunden gut gehe. Und mir wird mit einem Mal klar das er wirklich dabei war das Wasser des Tsunamis aus seinem Laden zu schaufeln. Dieser Laden steht irgendwo in Sendai. Irgendwo inmitten dieser Landmasse die zuerst bebte, dann von einem mehr als sieben Meter hohen Tsunami überollt wurde. Ein Tsunami der zuvor ein Öllager getroffen hatte, wegen dem alles was überig blieb zu brennen begonnen hatte.

 

Und doch glaube ich diesem Mann jedes Wort. Er wird seinen Laden aufräumen, auch wenn es bedeutet das er das ganze Haus wieder aufbauen muss – am genau gleichen Ort. Man mag nun denken die Japaner seien stur. Doch dies ist ein Missverständniss. Sie verstehen die Natur auf eine andere Weise als wir es tun. Der Vulkan ist der Boden auf dem Japan steht, die Erdbeben waren schon immer da und werden es immer sein. Das Meer bietet den Japanern viel, dafür müssen sie die Tsunamis ertragen. Alles wird zerstört und wieder aufgebaut, jede Stadt genau da wo sie gewesen ist. Genau wie Hiroshima.

 

Meine eigenen Gefühle einzuschätzen fällt mir momentan schwer. Wir waren auf diesem Trip, zu Mt. Fuji. Es war alles wunderschön, alles surreal. Jeder Tag war perfekt und dann kamen wir am Abend ins Hotel und sahen am Fernseher Atomkraftwerke explodieren und die Opferzahlen des Erdbebens und des Tsunamis ansteigen. Auf dem Heimweg haben wir dann den Wagen vollgetankt und Hakone alle möglichen Vorräte gekauft. Wasser, Reis, Vitamine, Salz, Zucker, Kerzen, Batterien und Akkus, alles wurde aufgestockt. Als wir dann wieder in Hiratsuka ankamen, sahen wir viele geschlossene Tankstellen und kilometerlange Autoschlangen vor den noch geöffneten. Viele Läden waren ebenfalls geschlossen oder beinahe ausverkauft.

 

Die Züge fahren in Hiratsuka ebenfalls noch nicht, vielleicht morgen irgendwann. Deshalb wäre es sehr schwierig von hier wegzukommen. Das EDA hat allen Schweizer Bürgern in der Region Tokyo/Yokohama empfohlen darüber nachzudenken ob ihr Aufenthalt dort nötig ist und wenn nicht die Ausreise aus dem Land in Betracht zu ziehen. Ich wohne etwas westlich von Yokohama und betrachte meinen Aufenthalt hier nicht unbedingt als notwendig, deshalb habe ich mir überlegt in den westen Japans zu gehen. Das werde ich morgen auch tun, wenn morgen noch alles so ist wie es heute Abend war. Die ersten Züge sind nämlich wieder gefahren heute. Die Tochter meiner ersten Gastfamilie wohnt mit ihrer eigenen Familie in Osaka und sie hat mir angeboten das ich eine Weile dort bleiben könnte, bis alles etwas besser ist.

 

Heute sitze ich hier und warte so halb auf den Super GAU. Das dieser nicht eintritt glauben nur noch die wenigsten Japaner. Doch sie schaffen es auf mir unverständliche Weise ihm eiskalt ins Auge zu blicken. Oder direkt an ihm vorbei. Es gibt keine Panik, Kinder gehen immer noch zur Schule und jeden Tag versammeln sich Tausende Geschäftsleute vor den geschlossenen Bahnhofen um dort eine Kolonne zu bilden. Um dort auf den Zug zu warten, von dem sie wissen das er nicht kommt.

 

Alles was den vierzig Millionen Menschen rund um Tokyo, den zwei kleinen Mädchen meiner Gastfamilie und dem Rest der Welt bleibt ist das hoffen auf Westwind. Und Wind ist bekanntlich eine ziemlich ungünstige Sache um sich daran festzuhalten.

Wir machten gerade Pause und eine meiner älteren Kolleginnen, die ausschlieslich japanisch spricht, versuchte mir einige neue Origami Figuren beizubringen. Origami-Seinsei (Falt-Meister oder Lehrer) wie ich sie nenne, kann eigentlich alles falten was man sich vorstellen kann. Von einem aufblasbaren Hasen, über einen Pfau mit Federrad bis zu einem aufklappbaren Geschenkekorb. Und ich war Teil davon.

Bei den ersten Figuren war ich noch recht gut bei der Sache aber nach einer Weile wurde ich müder und müder, ich war tatsächlich beinahe am einschlafen. Auf einmal denke ich mir sei schwindlig, auf diese neue mir unbekannte Weise, die ich nur von hier kenne. Doch als ich mich umsehe, sehe ich lächelnde Japanerinnen, „Jishin“, sagen sie alle ruhig aber etwas zu wild durcheinander – Erdbeben. Eines der Worte die ich mir recht schnell merken konnte. Schnell wurde das Gas ausgeschaltet und alle begaben sich zur Tür hinaus ins freie.

Benommen wie ich noch immer war, torkelte ich eilig hinterher und als wir dann draussen waren ging es erst richtig los. Man fühlt sich absolut hilflos, man kann absolut gar nichts machen, nichts kontrollieren. Man hält sich irgendwo fest und wartet bis es vorbei ist – im besten Fall.

Ich stand mit verschränkten Armen drei Minuten lang in der zitternden Welt herum. Drei sehr lange Minuten. Auf der anderen Seite der Strasse sah ich ein Mädchen stehen, dass auf den Bus wartete. Sie ging in die Hocke, wie es alle Japaner machen, wie ich es wohl auch hätte machen müssen. Aber ich wusste nichts über Erdbeben, stand einfach da bis es vorbei war und dachte dann „Das ist also eine Erdbeben, dank Japan bin ich wiedermal um eine Erfahrung reicher. Lass uns weiterarbeiten.“ Die Abläufe aller Leute rund um mich herum waren mir so natürlich vorgekommen, dass ich dachte so etwas geschehe halt ab und an in Japan.

Nun weiss ich das dieses Erdbeben das weltweit fünfstärkste seit Messbeging war. Da war mir das nicht klar. Telefone lagen brach und bald darauf ging die Tsunami Warnung los. Alle machten sich auf den Weg nach Hause und ich ging in den Supermarkt um mir was zu trinken fürs Fussballspielen später zu kaufen. Natürlich waren alle sehr nervös aber niemand konnte mir genaueres erklären und weil alle so aufgebracht waren funktionierte nur noch sehr höfliches aber enorm schnelles Japanisch, das ich leider kaum verstehe.

Jedenfalls wollte ich nach Yokohama, schliesslich war ich da mit meinem Gastvater verabreted. Als ich jedoch am Bahnhof ankam wurde mir so einiges etwas klarer. Hunderte Leute standen in langen Schlangen überall wo irgendwann wieder ein Bus oder ein Zug eintreffen sollte. Es gab keine Nervosität oder Panik. Jemand der nichts von dem Erdbeben gewusst hätte, wäre wohl gar nicht auf die Idee gekommen zu fragen was los ist. Es waren nur viel mehr Leute als sonst und es wurden immer mehr.

Auf einmal bebte die Erde erneut und ich sah hunderte Japaner wie auf Kommando in die Hocke gehen. Alles wirkte perfekt eingespielt. Der Zug nach Yokohama fuhr nicht. Jetzt bin ich dafür dankbar, mein Gastvater kam vorhin nach Hause. Nach einem sechsstündigen dreissig Kilometer Marsch, mit tausenden anderen die wegen dem Ausfall der Züge von der Arbeit den Gleisen oder Strassen entlang nach Hause pilgerten. Durch Gebiete ohne Strom, in denen Convience Stores im Taschenlampenlicht ihre Ware weiterverkauften. Im Bahnhof von Yokohama stecken auch jetzt noch an die 40’000 Leute fest. An Tokyo mag gar niemand so richtig denken.

Doch der Japaner lächelt weiter. Egal ob Kernkraftwerke und Tanklager brennen. Egal der Tokyotower einen Knicks hat. Egal ob die Natur gerade gewonnen hat. Oder vielleicht dem allem zu trotz, der Japaner lächelt weiter. Japan wird sich wieder aufbauen, auch nach diesem Erdbeben. Japan macht das schon seit Jahrhunderten, immer und immer wieder, nur jedes Mal ein bisschen besser.

Mir geht es gut. Morgen gehen wir hoffentlich wie geplant einige Tage in die Berge, da würde ich mich wohler fühlen jetzt gerade, wegen den Tsunamis. Für heute Nacht werde ich gezwungen mit Helm, Wasservorrat und Essen unter dem Küchentisch im ersten Stock zu schlafen. Vielleicht ist es besser so.

So langsam habe ich mich hier in Japan richtig gut eingelebt. Am Freitag vor einer Woche war ich auf der Stadtverwaltung von Hiratsuka und habe mich da angemeldet. Nun geht es noch zwei Wochen bis ich meinen Immigrationsausweis bekomme, damit kann ich dann die sechs Monate in Japan bleiben. Ich brauche diesen Ausweis auch um ein Bankkonto eröffnen zu können und um ein Mobiltelefon kaufen zu können. Solche Dinge sind in Japan enorm kompliziert wie ich finde.

 

Das schwierigste ist und bleibt vermutlich auch das lesen. In Orten wo es nicht viele Ausländer gibt, ist eigentlich alles ohne westlliche Buchstaben geschrieben und selbst kleine Dinge wie ein Busfartplan werden auf einmal schwierig. Aber obwohl mein Japanisch natürlich immer noch sehr dürftig ist ( obwohl ich schon mehr kann als ich gedacht hätte ) kann ich eigentlich immer irgendwie mit den Menschen kommunizieren und da die Japaner bekanntlich seh hilfsbereit und freundlich sind, habe ich bisher immer alles recht einfach gefunden.

 

Letztes Wochenende war ich mit meiner Gastfamilie am Strand und wir haben Beachvolleyball gespielt, Tee getrunken und Muscheln gesammelt. Ich habe einen Stein gefunden der aussieht wie ein Stück Quarktorte, der kommt jetzt immer mit auf den Tisch wenn es etwas süsses gibt und wird auch sonst von den Mädchen als „Cheesecake“ verehrt. Ausserdem hat mir letztes Wochenende ein Freund Yokohama gezeigt. Da er da wohnt, kennt er alles sehr gut. Wir sind zu Fuss durch die Stadt geschlendert. Vom Bordellviertel ganz unten in der Stadt durch China Town, bis zu einem gehobeneren Stadteil mit Blick auf die Brücke über die Yokohama Bucht, welche die Präfekturen Kinagawa und Tokyo miteinander verbindet. Dann sind der Bucht entlang zurück ins Zentrum Yokohamas geschlendert oder getorkelt.

 

Am Sonntag vor einer Woche war ich dann mit der Familie beim Tokyo Maraton. Obwohl ich bekanntlich kein grosser Läufer bin, war das ein ziemlich beeindruckendes Erlebnis. Vermutlich ist das bei jedem Maraton in einer Grosstadt ähnlich, trotzdem war ich von der puren Masse der Teilnehmer und Zuschauer beeindruckt. Ausserdem war es ganz interessant zu sehen wie die masochistischen Japaner und Japnerinnen nach 42km immer noch lächeln, während alle anderne nur noch leere Gesichter haben und sich in sich selbst zurückgezogen haben.

 

Letzte Woche habe ich dann angefangen im Kindergarten zu arbeiten. Ich habe mir einen Kindergarten in Japan anders vorgestellt. Ich dachte da läuft sicher alles enorm strukturiert ab und den Kindern werden strenge Regeln eingetrichtert. Dem war aber nicht so, ich war eher erstaunt über den offenen Weg mit dem die Lehrer versuchen den Kindern das erste Wissen zu vermitteln und über die Energie die aufgewendet wird damit sich jedes Kind wohlfühlen kann. So haben zum Beispiel letzte Woche die Lehrer jedem Kind einen persönlichen Brief geschrieben und für eine kleine Zwischenjahreszeremonie haben die Kinder, die Mütter und die Lehrer jeweils als Gruppen richtig grosse Theater eingeübt. Etwas was bei uns nicht einmal am Ende des Schuljahres geschieht. Ausserdem wird auch jeden Mittag in der Schule gegessen.

 

So langsam kommen auch die ersten Kirschblüten zum Vorschein. Es ist faszinierend welche Liebe und Zuwendung die Japaner, durch alle Schichten und Generationen für diesen Pflanzenteil aufwenden. Kirschblüten haben viele Bedeutungen auf einmal. Sie stehen für die Hoffnung auf das Ende des Winters und den Aufbruch in den Frühling, für Schöhnheit und für deren Vergänglichkeit. Fast die Hälfte aller Laubbaume die in Japan stehen sind Laubbäume und sobald die Kirschblüten richtig rauskommen wird alles Pink sein. Etwa 70% der Japaner haben eine Blütenstauballergie, das tut der Freude an den Kirschblüten jedoch keinen Abbruch.

 

Am Freitag war ich mit meinem Gastvater und seinen Arbeitskollegen Fussball spielen und am Samstag mit anderen Arbeitskollegen Baseball. Beides war lustig, ich hatte dann aber auf einmal ziemlich Muskelkater. Am Sonntag waren wir dann aber im Park und haben sonst nicht viel gemacht.

 

Am Sonntag Abend habe ich dann Rösti gemacht für meine Gastfamilie. Dazu gab es geschnetzeltes, Bratensauce und Rahmgemüse. Ich glaube das ist mir alles ganz gut gelungen, jedenfalls wurde alles aufgegessen. Auch sonst bin ich erstaunt wie interessiert die Japaner an fremden Dingen sind. Im Kindergarten habe ich Beispielsweise Schernschnitte eingeführt und die Kinder wollten für mehrere Tage nichts anderes mehr machen. Nicht einmal die Eltern hatten zuvor etwas davon gehört. Dafür kann jedes dieser Kinder einen Origami Schwan falten.

 

Heute bin ich nach der Arbeit noch etwas mit dem Rad herumgefahren. Und als ich da so in der Masse der japanischen Radfahrer untergegangen bin wurde mir mit einem Mal klar, das ich jetzt wohl endlich angekommen bin. Nächstes Wochende werde ich mit meiner Gastfamilie in die Region des Fuji-san fahren und dort zweimal übernachten. Ich hoffe Mal das Wetter bleibt gut.