Die Zeit hier in Japan vergeht wie im Flug. Und doch kommt es mir der Gedanke seltsam vor, erst zwei Wochen hier zu sein. Meinem Gefühl nach könnten es gut zwei Monate sein. Ich habe mich inzwischen etwas eingelebt und organisiert. Den Rhythmus habe ich inzwischen auch gefunden, ich schlafe nur mehr als gewöhnlich. Ob das noch mit dem Jetlag zu tun hat oder einfach an der Überreizung meines Gehirns mit neuen Einflüssen liegt vermag ich nicht zu sagen.

Die letzte Woche habe ich mit japanisch lernen Informationen verbracht. Dafür musste ich jeden Tag mit der U-Bahn von Saitama City nach Shinjuku im Zentrum Tokios fahren, was etwa eine halbe Stunde dauert. Eine U-Bahn Fahrt in Tokio ist ein einzigartiges Erlebnis – im negativen Sinn. Morgens werden hier die Leute wie Vieh vom Bahnhofpersonal in die Wagen gepresst. In den Wagen kann man sich dann eigentlich nicht mehr bewegen. Die meisten Leute behalten während der Fahrt die Augen zu und hören Musik, einige schaffen es auch trotz dem Gedränge etwas zu lesen. Das wichtigste ist wohl das man es schafft abzuschweifen, sich mit dem Geist an einen anderen Ort zu begeben. Die Männer heben oft beide Arme in die Höhe und halten sich irgendwo fest. Sexuelle Belästigung im Gedränge der U-Bahn ist in Japan ein grosses Problem über das kaum gesprochen wird. Doch nicht nur für die Frauen ist die problematisch. In Japan bedeutet die Anschuldigung sexueller Belästigung den Verlust der Ehre und damit oft auch den Verlust des Jobs. Ob die Anschuldigung zurecht stattgefunden hat oder nicht spielt dabei meistens keine Rolle.

Für Leute die das kaum glauben können oder mehr über die Chikan Problematik wissen möchten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Chikan

Die nun folgende Geschichte, hatte in einem genau so eine überfüllten U-Bahn Wagen ihren Anfang genommen. Am Donnerstag Abend nämlich war ich auf dem Weg nach Hause und weil es so voll war sah ich mich gezwungen meine Laptop Tasche oben auf die Gepäckablage zu legen. Das machen hier in Japan alle so, einfach weil es dadurch mehr Platz gibt. Ausserdem kann ich mir gut vorstellen, dass in dem Gedränge der Inhalt diverser Taschen Schaden nehmen könnte. Nun ja, als noch mehr Leute eingestiegen sind wurde ich dann etwas von meiner Tasche weg gedrängt ohne es zu merken und als ich aussteigen musste, habe ich sie natürlich liegen lassen. Kurz darauf habe ich das gemerkt, der Zug fuhr jedoch gerade ab und ich meldete mich umgehend beim Bahnhofpersonal. Halb englisch, halb japanisch und mithilfe vieler Gesten gelang es mir ihnen klar zu machen was sich ereignet hatte. Sie gaben mir die Zugnummer und meinten ich soll mich morgen melden.

Also ging ich nach Hause, beziehungsweise zu meiner Gastfamilie. Ohne meinen Pass, mein Geldbeutel, meine Visa Karte, meine Kamera und meine Brille. Das es doof war das alles in die Tasche zu stecken, ist mir jetzt auch bewusst geworden. Eigentlich habe ich aufgehört zu existieren. Ein enorm schlechtes Gefühl hatte ich da aber noch nicht, schliesslich ist Japan dafür bekannt, dass eigentlich kaum einmal etwas gestohlen wird. Als ich jedoch zuhause ankam und meiner Gastfamilie erzählt hab was passiert ist, befand sich das ganze Haus in heller Aufruhr. Es wurde telefoniert und diskutiert und alle machten sich sorgen. Alle dachten sie müssten mir jetzt gerade helfen, dabei war es mein Fehler.

Um am Tag darauf nach Shinjuku zu fahren musste mir meine Gastfamilie etwas Geld leihen. Diese 1’000 Yen waren an diesem Morgen alles was ich hatte und ich machte mir grosse Sorgen wie ich innert kurzer Zeit an etwas Geld kommen könnte. Als ich dann jedoch das Ticket gekauft hatte kamen etwas über 9’000 Yen zurück. Ich stellte verwundert fest das ich mich wohl getäuscht haben musste und das mir die Gastfamilie wohl 10’000 Yen gegeben haben musste, ziemlich grosszügig. Froh war ich trotzdem, schliesslich würde das für dieses Wochenende reichen.

Als ich an diesem Tag nach Hause ging begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Konnte ich das Geld der Gastfamilie aufbrauchen und später zurückzahlen? Ich hatte ein enorm schlechtes Gefühl dabei aber viel anderes blieb mir offensichtlich nicht übrig. Mir wurde auf einmal bewusst wie weit ich eigentlich von zu Hause weg bin. Als ich bei der Gastfamilie ankam waren alle etwas ruhiger und seltsamerweise optimistischer als am Tag zuvor. Sie fragen mich dann ob ich genug Geld habe. Natürlich sagte ich und fragte mich wie jemand 10’000 Yen an einem Tag aufbrauchen kann.

Am morgen darauf fragten sie erneut, natürlich sagte ich erneut, ihr habt mir doch 10’000 Yen gegeben. Da waren sie erstaunt und die Mutter guckte in ihrem Geldbeutel nach, unmöglich meinte sie dann, es können nur 1’000 gewesen sein. Was war also passiert?

Ich selbst gehe davon aus, dass mir der Automat falsches Wechselgeld gegeben hat. Schliesslich habe ich selber geglaubt die Familie hätte mir nur tausend gegeben, bis auf einmal so viel Wechselgeld herauskam. So etwas geschieht einem vielleicht einmal im Leben und mir genau an dem Tag wo ich mir vielleicht zum ersten Mal ernsthafte Sorgen um Geld gemacht habe.

Am Samstag und am Sonntag habe ich dann auch nichts von der Tasche gehört. Ich war hatte mich schon bei der Polizei gemeldet und wollte gerade bei der Botschaft wegen dem Pass anrufen als jemand eine neue Idee hatte. Das U-Bahn- und Zugsystem in Tokyo ist hochkomplex, es gibt neben den Staatlichen Betreibern mehrere private Firmen die einige wenige oder gar einzelne Linien anbieten. Jedenfalls wechselte der Zug in dem sich meine Tasche befand vom Hauptbetreiber JR zu einer dieser kleinen privaten Firma. Leider fährt nur ein geringer Teil der Züge auf der Linie mit der ich fuhr in diese Richtung und macht diesen Wechsel. Dies führte das von den Heerscharen von Leuten denen ich die Geschichte meiner Tasche erzählt habe erst nach vier Tagen jemand auf die Idee kam, dass die Tasche in einer Bahnstation dieser kleinen Firma sein könnte.

So war es dann auch. Am Montag konnte ich die Tasche abholen. Sogar das Bargeld war noch vollständig und alles andere auch vorhanden, ich fühle mich nun so komplett wie nie zuvor. Vier Tage lang habe ich mir richtig sorgen gemacht, was sonst gar nicht so meine Art ist. Ich bin auch froh, dass mein Vertrauen in die japanische Gesellschaft nicht erschüttert wurde, obwohl es natürlich immer schwarze Schafe gibt.

Eigentlich habe ich richtig viel gemacht. Am Samstag und am Sonntag hätte ich unendlich viel mega tolle Bilder machen können aber leider hatte ich die Kamera ja nicht, deshalb sinds diesmal nicht so viele Bilder. Nach dem Fund der Kamera war ich jedoch am Montag noch mit meiner Gastschwester in Ikebukuro und dort im Sunshine City Building. Ziemlich coole Bilder.


Am Dienstag habe ich dann Gastfamilie gewechselt. Da hies es Abschied nehmen von Sakura-chan.

Auf dem Weg kam ich in Yokohama vorbei.

Die Zeit im japanisch Kurs ist nun vorbei und ich beginne bald zu arbeiten. Ich freue mich richtig, auch wenn ich etwas Angst habe das mein Japanisch noch viel zu schlecht ist um eine grosse Hilfe zu sein. Die neue Familie wohnt in Hiratsuka, eine Mittelgrosse Stadt etwa eine Stunde von Tokios Zentrum entfernt. Im zweiten Weltkrieg war die Stadt Hiratsuka zum Opfer strategischer Bombardierungen geworden, welche ungefähr die Hälfte aller Häuser der Stadt komplett vernichtet haben. Dies ist heute noch erkennbar an den für Japan untypisch breiten Strassen. Besonders die Hauptrasse die von der Zugstation direkt ans Meer führt ist auffällig breit und ist sogar mit Bäumen bepflanzt. Das Haus meiner Familie liegt in der Nähe dieser Strasse und etwa zehn Minuten vom Meer weg. Wenn das Wetter besser wird soll es da wundervolle Sonnenaufgänge geben. Heute hat es geregnet und deshalb wirkt das ganze eher trisst.

Das nächste Mal gibts dann noch Fotos von meinem neuen Zimmer und der ganzen Familie. Für heute reichen jedoch die Bilder meiner zwei kleinen, neuen Schwestern erstmal. Die sind grad eben nach dem baden in mein Zimmer spaziert. Kawai. :p


Advertisements