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„Ich habe bestimmt keine Rassen-, Standes- oder religiöse Vorurteile. Es genügt für mich, zu wissen, jemand ist ein Mensch – schlimmer kann er nicht sein.“

Anders als man es von einem Schriftsteller erwarten würde den ich persönlich für einen reinen Kinderbuchautoren gehalten habe, stellte ich kürzlich fest, dass Mark Twain relativ misanthropisch veranlagt gewesen sein musste.

„Ich habe es schon häufig als bedauerlich empfunden, dass Noah und seine Sippe das Boot nicht verpasst haben.“   

Ist ja auch nicht so das es mir anders gehen würde, irgendwie mag ich die Menschen an sich auch nicht besonders. Vielleicht liegt es ja in unserer Natur das wir einander hassen, so wie das Spinnenweibchen, dass nach der Paarung das Männchen frisst. 

„Der Mensch wurde am Ende der Wochenarbeit erschaffen, als Gott bereits müde war.“  

Welche andere Rasse in der wundervollen Schöpfung Gottes hat es schon nötig gigantische Waffenarsenale anzulegen, nur um sich vor sich selbst zu schützen. Welche Form von Lebewesen zerstört schon bewusst seinen eigenen Lebensraum. Welchen Zweck erfüllt wohl die Eifersucht des Menschen, welchen Sinn hat seine Gier in der Evolutionstheorie und woher nur kommt dieses unheimlich, unverständliche übergrosse Mass an Stolz und Eitelkeit?

„Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das erröten kann. Oder sollte.“ 

Der Mensch ist auch das einzige Lebewesen das lügen kann. Oder sollte. Ich mag ihn wirklich, diesen legendären Autor von Klassikern die laut ihm jeder gern gelesen haben möchte aber niemand lesen mag.

“Es gibt keinen Breitengrad, der nicht glaubt, er wäre der Äquator, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre.”

Doch wenn ich so zurückdenke muss wohl zugeben das sowohl Huckleberry Finn als auch Tom Sawyer ziemlich Gesellschaftkritische Jungs gewesen waren, vielleicht haben sie mir ja mehr gegeben als mir bewusst war.

Und zum Schluss mein Favorit:

 

 

 

 

 

„Ich machte mir Sorgen, weil ich als einer der bedeutenden Autoren genannt wurde. Sie haben nämlich die traurige Angewohnheit auszusterben. Chaucer ist tot, Spencer ist tot, ebenso Milton, ebenso Shakespeare, und ich fühle mich auch nicht sehr wohl.“

Ich wache auf, in der dunklen Stille nur die regelmässig, friedlichen Schlafgeräusche der Zimmerkameraden. Der Kopf dröhnt, ich suche ein Taschentuch und plötzlich fällt mir auf das auf meinem Handy ja immer noch Musik läuft, ich muss einfach eingeschlafen sein. Morgen dürfte Freitag sein oder erst Donnerstag, Samstag?

Vielleicht habe ich das alles ganz bewusst selber ausgewählt, vielleicht habe ich geglaubt es wäre eine Lebenserfahrung die mich weiterbringen könnte, vielleicht habe ich mich ein wenig darauf gefreut, als es noch weit weg war. Vielleicht habe ich mich im letzen Jahr sehr verändert, vielleicht bin ich in einem Alter wo man das noch darf und vielleicht auch nicht.

Vielleicht würde ich es heute nicht mehr machen und vielleicht doch.

Ich schweife ab, denke an Kindergeschichten, an Robin Hood der im Wald gelebt hat, das ganze Jahr, an den heulenden Eiswind in Wolfsblut und an Robinson Cruise den ich so lange bewundert habe. Im Dunkeln liege ich da und denke zurück an all die Bücher die ich als kleiner Junge gelesen habe und an die Geschichten die mir erzählt wurden. Mit einer Spur von Sehnsucht sehe ich mich damals, als ich noch nicht wusste das Abenteuer schmerzhaft sein müssen, als ich noch nicht wusste wie sich eine Winternacht im Freien anfühlt und als ich noch voller Bewunderung zu ihnen hinaufsehen konnte, meinen Helden.

Damals als ich noch nicht wusste dass es sie alle nie gegeben hat.

Vielleicht ist aber ein Schritt näher zur Realität nicht das schlechteste was einem passieren kann.

Ich zittere plötzlich und verstehe gar nicht recht wieso, ziehe mir dann ein Pulli an und gehe durch die Tür hinaus in den breiten Gang der Kaserne. Zweiundreissig Neonröhren entzünden sich durch den Wärmemelder an der Wand, nur für mich allein. Der Spiegel der Toilette gewährt mir einen Blick auf das erbärmliche Antlitz meiner selbst. Mitten in der Nacht, im Delirium des Halbschlafs und melancholischen Gedanken nachhängend würden sicher auch Brad Pitt und Johnny Depp scheisse aussehen. Doch trotzdem ist die Schlafenszeit eine der wenigen Phasen in denen ich weder Tarnanzug noch Uniform tragen muss, in der ich ein kleines bisschen ich sein darf, zumindest äusserlich.

Ich gehe zurück und schlafe, um ein oder zwei Stunden später schon wieder geweckt zu werden. Tagwacht, los auf zu neuen Heldentaten.

Es ist wie die Rückkehr aus dem Nichts, man steht am Bahnhof mitten in den vielen Leuten, die sogar unterschiedlich gekleidet sind und atmet das erste Mal seit einer ganzen Woche einen Happen Realität, ein kleines Stücklein des Gefühls tatsächlich noch in derselben Welt zu leben wie am Anfang. Ein Fragment minimalster Grösse der Hoffnung, irgendwann tatsächlich in diese Welt zurückkehren zu können.

Dreissig Zelte, eine relativ kalte Nacht ohne Regen, ein Holz Wall mit zwei Eingängen drum herum, die Illusion der Sicherheit und annähernd sechzig Junge Leute, die Krieg spielen wie es viele von ihnen als kleine Kinder auch getan hatten. Eine dunkle Nacht, zwei Rauchgranaten und ein verbrannter Schlafsack später geht die Sonne erneut auf, als wäre nichts gewesen. Doch als sie das tat, war das Lager schon wieder abgeräumt und die jungen Leute sassen schonwieder frierend in irgendeinem Lastwagen.

Es sind diese vierzig Stunden, Samstagmorgen bis Sonntagabend die dich am Leben erhalten, diese vierzig Stunden in denen du dich selbst sein darfst. Vierzig Stunden ohne Sturmgewehr, Rangabzeichen und ohne Viererkolonnen oder schnurgerade in Glieder ausgerichteten Soldaten, Weltraumaffen bereit ins All geschossen zu werden.

Vierzig Stunden in denen man sich über den Schnee freuen kann, bevor man auf ein Neues fünf Tage lang über in fluchen wird.

Vierzig Stunden einatmen, bevor sie erneut vorbei sind.

Der Raum ist leer, vierzehn Betten, vierzehn Schränke, vierzehn Rucksäcke und vierzehn ähnliche Situationen, die doch alle unterschiedlich sind. Ich liege auf der türkis bezogenen Matratze meines schmalen Bettes, alle Arten von Computern sind streng verboten, ich schreibe Briefe, erst mit Bleistift und dann richtig, so richtig, richtig oldschool mit dunkler, blauer Tinte.

Das letzte Mal habe ich mit Tinte geschrieben in der zweiten? Vierten?..Klasse, ich weis es nicht mehr.

Ich fühle mich wie ein Matrose auf einem Atom-U-Boot der US Marine, wie ein Astronaut irgendwo draussen im Raum. Ich komme mir so vor als wäre ich unendlich weiter weg von allem, als wäre ich in einer anderen Welt aufgewacht.

Hier ist alles anders als sonst, der Tag dauert 18 Stunden, die Nacht hat nur deren sechs, höchstens. Man wacht auch weil man angeschrien wird, man steht auf wenn geschrien wird, man stellt sich in den Kolonnen wenn geschrien wird und irgendwann schläft man ein, sobald gerade niemand schreit, man wacht auf wenn es gerade jemand für nötig hält zu schreien.

Doch irgendwie habe ich das Gefühl das mich das ganze doch irgendwie verändert, vielleicht werde ich hier zum Realisten, der ich nie sein wollte, doch vielleicht wäre genau das ja gar nicht schlecht.

Machts gut ihr kleinen Fragmente dieses alten Leben, machts gut ihr kleinen Teilchen des Ganzen was ich  einmal war. Machs gut altes Bett, Lebt wohl all ihr Bücher, machts gut ihr Blätter auf dem Boden und schöne Zeit kleines Kind der Fröhlichkeit.

Ich kehre zurück von Daheim, wieder weg in dieses Scheinesleben, in die Unwahrheiten, weit weg von allem was ich war und noch viel weiter davon entfernt von dem was ich gerne gewesen wäre, bin oder sein werde. Wieder dort hin wo Stunden Jahre sind und Wochen einem wie ein Leben vorkommen man rennt und wartet, marschiert und wartet, steht und wartet, schiesst und wartet, umsonst. Leb wohl Traum den ich dort nicht werde Träumen können.  Machs gut roter Zug, grauer Weg, brauner Baumstamm, Träne die ich nie geweint habe und auch nie weinen werde.

Lebt wohl ihr alle, man sieht sich, irgendwann.

 

Schneeregen, durch das Licht der Laterne über dem grossen Platz vor dem Gebäude D, beobachte ich wie sich die Regentropfen langsam immer weisser färben und schwerfälliger fallen. Ich schaue nur mit den Augen, der Kopf darf in der Achtungsstellung nicht bewegt werden. Ein anderer Zug läuft vorbei und der Mann rechts von mir brüllt die Gefechtsmeldung, die sofort erwidert wird. Schnee ist viel besser als Regen, denn an die Kälte gewöhnt man sich nach ein par Tagen, aber gegen die Nässe ist man irgendwie machtlos.

Stehen ist viel anstrengender als zu gehen. Vorne über die Brust hängt mein vollautomatisches Sturmgewehr 90, ein Magazin ist drin eins im Gürtel der Grundtrageinheit über meinem Tarnanzug. Ebenfalls dort sind Feldflasche, weitere Magazine, Gehörschutz, Taschenlampe, Schutzmaske und Entgiftungspulver. Dazu kommt noch der Rucksack mit Regenschutz, Schutzanzug, Zeltstangen und Plachen, Notkocher sowie natürlich Schuh- und Gewehrputzzeug.

Hier gibt es nur Kameraden, hier gibt es keine unterdrückten. Hier sitzt du im Dreck, das einzig Gute daran ist nur das es den anderen genau so geht.

Es gibt hier zwei Hufeisenförmige graue Gebäudekomplexe, die einander direkt gegenüberliegen. Egal wo man steht, man sieht nur dieses niederschlagende Grau und irgendwie kommt es mir vor als wäre an diesem Ort auch der Himmel viel weniger Freundlich als anderswo. Hier gibt es kein Bunt, kein Grün, kein Gelb, nur das verschwommene grün der Tarnbekleidung und nur ganz selten vielleicht ein roter Turnschuh.

Ich laufe wenn ich laufen muss, gehe wenn ich gehen soll und mache Liegestützen, wenn ich dazu aufgefordert werde. Ich schreie sogar wenn die es so wollen, mir ist es egal was hier passiert. Hier ist ein Ort fernab der Realität mit Leuten die genauso weit davon weg sind wie ich selbst, nur auf der anderen Seite.

Aber das Essen ist in Ordnung.