You are currently browsing the monthly archive for August 2008.

Ich sitze im Bahnhof und warte auf meinen Zug, ich lese etwas und schaue den Leute zu, wie sie kommen und gehen, wie sie sich wartend beeilen. Ich schaue zu wie sie hecktisch ihre Mobiltelefone zücken, nur um sie kurz darauf wieder wegzustecken und wie sie sich eilig von der einen Seite der Gratiszeitung zur nächsten kämpfen, auf der Suche nach der täglichen Portion Information, nicht das es jemanden wirklich interessieren würde was dort drin steht, doch man muss mitreden. Ein grosses Bild von Bauwerken in Dubai, eines von Tibet und eines von einem Barak Obama vor Massen seiner Zuhörern, drei mal fünf bis zehn Zentimeter Text, fünf Minuten aufgewendete Lebenszeit und voilà, schon weis man bescheid was auf der Welt passiert. Nur um es weitere fünf Minuten später wieder zu vergessen, zu verdrängen? Keine Ahnung.

Man geht von hier nach da, von da nach dort, ich sitze da. Es ist Sommer, warm, ausserhalb dieses dunklen Bunkers des Bahnhofs scheint sogar die Sonne mitten in den schwülen, drückend feuchten Sommertag hinein. Noch bevor die Erlösung, in Form des Regionalzuges mit seinen klimatisierten Wagen endlich eintrifft, denke ich an Schneeflocken. Ich träume vom Winter, ich mag Sommer prinzipiell auch, ich mag den Sommer immer bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine Woche lang dieses tropische, feuchte Wetter mit hohen Temperaturen herrscht. Es fühlt sich an als wäre ich eine schmelzende Schokoladepraline, die innerhalb ihrer Aluminium Verpackung einen grässlichen Tod erleidet, alles wird für mich dumpf, weit weg, ich denke in Gedanken die ich gar nicht denken mag, es ist zu heiss. Alles ist verschwommen, in meinem Kopf, Kopien über Kopien gelegt und alles auf Klarsichtfolie gedruckt, unmöglich etwas zu erkennen, unmöglich einen Gedanken zu fassen. Ich hasse tropisches Wetter, ich würde tropische Wälder hassen wenn ich in ihnen leben müsste, doch bitte lasst sie trotzdem stehen und verschont mich mit diesem Wetter. Doch an Schneeflocken dachte ich nicht weil ich sie vermisse, nicht nur.

Ist hier noch frei?

Sie lächelt.

Es ist nicht meine Bank, aber wenn du schon fragst, nein.

Klar.

Ich lächle, sie ist süss, strahlende Augen und ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Doch es war nur eine kleine Portion, eine fein tranchierte Scheibe Kommunikation. Wir redeten kein Wort mehr miteinander, ich meine wozu auch. Wir hätten uns erzählen können was wir für Musik mögen, was für Schauspieler, was wir werden möchten, wir hätten die Grösse der Portion vergrössern können. Doch keiner von uns nahm das als Sinnvoll wahr. Vielleicht sehe ich sie nie wieder, dieses kleine Quäntchen Freundschaft, dass mit mir die Bank im Bahnhof teilte. Ob das schlimm oder gut ist weis ich nicht, die Portion war zu klein.

Menschen sind wie Schneekristalle, zuerst sind wir nichts, Dunst und Wolke. Wir sind Nebel, unsichtbar und doch schleierhaft. Doch wenn die Temperatur tief genug ist beginnt für uns das Leben, wir fallen herab in den Strudel des Seins und drehen in im unsere Kreise, getrieben vom kalten, unerbittlichen Wind. Wir fallen und fallen, wir steigen manchmal auf, wenn der Wind uns steigen lässt, doch irgendwann fallen wir alle weiter. Irgendwann treffen wir auf andere Schneekristalle, wir heften uns mit ihnen zusammen, wir fallen weiter, zusammen als Schneeflocke. Die Aussicht ist wundervoll, genauso wie es Angsteinflössend ist, da sie uns zeigt wie weit wir noch fallen werden. Irgendwann kommen wir unten und liegen da, wir schmelzen.

Es gibt alles in Portionen, Erholung in Gestalt eines Wellness Jogurt Drinks im Supermarkt, es gibt portionierte Emotionen auf Postkarten, es gibt Liebe in Scheiben und Wurstform oder Sehnsucht als Schokolade. Ich konsumiere, weil ich bin. Es gibt portionierte Information, Kommunikation, klein abgefertigte Freunde und das bereits eingepackte Gefühl  gemocht zu werden, welches man irgendwem schenken kann.

Ich frage mich ob alles so klein ist, ich selbst eine Portion und Schneekristall bin, ich weis es, doch ich frage es mich trotzdem. Ich frage mich ob es die anderen alles auch wissen, ich denke sie sind alle schlauer als ich. Sie geniessen ihre Portionen als das was sie sind, teilweise sind sie nämlich toll, sie leben.

Ich falle, diese wundervolle Aussicht, es gibt nichts was fröhlicher tanzt als Schneeflocken, sie fallen auch.

Und das im August.

Advertisements