Hallo Jan.

Ich denke dies ist ein Moment den jeder kennt. Der Augenblick in dem der Orkan deines Seins rund um dich herum aufhört zu wüten und du dich nur noch auf eine kleine Sache konzentrierst:

Dein eigenes Gedächtnis, denn du willst herausfinden, wer das sein könnte, der vor dir steht. Wie die Pausenfunktion in einem Videospiel, dreht sich die Windhose des Lebens für einen kurzen Moment nicht, du kannst kurz nachdenken aber die Zeit ist knapp.

Failed, Your Death oder einfach Game Over. Du schaffst es nicht, hier gibt es jedoch kein Try Again, kein Exit Game, nur Continue.

Es tut mir echt leid aber wie war den Name nochmal? Wäre das Beispiel einer guten Antwort gewesen oder auch nicht, aber zumindest ehrlicher als das was ich gesagt habe.

Hey, hallo wie geht es dir?

Erinnerungen sind etwas ganz spezielles, man hat einige Dinge die man sich gerne merken möchte, es gibt Momente die möchte man sich in den Geist Mahlen, um sie immer wieder anschauen zu können und es gibt Emotionen die man sich ins Herz brennen möchte, man möchte sie immer wieder hervor nehmen und fühlen können. Doch es gelingt selten. Es gibt Dinge die wir uns merken müssen, für mich das schwierigste, weshalb ich wohl auch nie ein guter Schüler war oder bin. Natürlich gibt auch Dinge die möchten wir vergessen und schaffen es nicht, Augenblicke die einem einfach beschäftigen, ohne das man es möchte. Vielleicht wusste ich deshalb nicht mehr, wer diese schwarzhaarige Person war, die dort im Bücherladen vor mir stand. Zweifellos, sie kam mir bekannt vor, normalerweise weis ich auch was ich mit einer Person erlebt haben könnte, aber bei dieser Frau oder diesem Mädchen, hatte ich zuerst wirklich keine Vermutung.

Voll lustig dich wiedermal zu sehen, ist sehr lange her nicht?

In ihren Augen sehe leuchtend die Sehnsucht nach einem Lächeln, das ihr signalisiert dass ich genauso empfinde. Ich gebe es ihr dies natürlich, ich meine was soll ich sonst schon tun, ich Nicke sogar, man kann sich gegen ein solches Lächeln wirklich nur schwer erwehren. Aber wer zum Teufel ist sie? Ich erstelle in meinem Kopf eine Liste mit allen mittelgrossen, schwarzgekleideten und schwarzhaarigen Frauen, die ich je kannte, als mir einfällt das sie was anderes anhaben könnte und ach ja Haare kann man färben.

Ich bin meine eigene Unwissenheit und Lächle zurück. In diesen Momenten fühle ich mich immer nackt und fröstle, weis aber nicht wieso. Ich hätte sagen sollen dass es mir leid tut, dass ich ihren Namen vergessen habe, dass ich nicht mehr genau weis wer sie ist. Doch es gelingt mir nicht, ich lächle, es muss amüsant sein jemanden so lange lächeln zu sehen, mir fällt ein dass sie mich etwas gefragt hatte.

Ja, ist lange her.

Dies war einer der Momente die ich lieber vergessen hätte als sie mir für immer einzubrennen, ich bin nie ein überzeugender Schauspieler gewesen. Aber wenn man so vergesslich ist wie ich, hat man diese „guten Tag schön dich wiedermal zu sehen, obwohl ich keine Ahnung habe wer du bist“, Nummer irgendwann ganz gut drauf. Ich meine man muss, falls man überleben will. Ich habe es trotzdem immer gehasst, ich meine sowas kann ganz schön schief gehen. Wenn sie rausfinden dass du lügst, musst du ein Loch graben, wenn jemand vorbei kommt noch zwei oder drei und ehe man sich versieht…

Du ich muss los, mein Bruder wartet, wir gehen ins Kino. War echt schön dich wieder einmal zu sehen.

Weg war sie, ein Geist oder ein Engel? Keine Ahnung.

Tschüss.

Ich bin meine eigene Amüsiertheit über die Vergesslichkeit meiner selbst, welch wundervolle Komik doch in dieser Szene steckte. Jetzt muss ich nur noch herausfinden wer diese Person gewesen sein könnte. Etwas später frage ich jemanden der auch in meine alte Klasse ging, eine Vermutung hat man ja meistens, wer von den Mädchen alles schwarze Haare hatte und wer auch noch einen Bruder. Er gab mir drei Namen, ich kramte ein Klassenfoto von früher nach vorne und tatsächlich, sie muss es sein. Dabei bin ich doch erst sechs Jahre aus dieser Klasse raus, von denen ich drei noch auf der gleichen Schule war und ich kannte sie einfach nicht mehr. Tut mir echt leid und eigentlich schade.

Wir machen im Urlaub Fotos statt uns die Dinge richtig anzusehen und wir verschicken Postkarten, statt unseren Freunden zu erzählen was wir erlebt haben. Ich kann keine Sonnenuntergänge zeichnen und man kann Regenfall nicht mir Worten umschreiben. Deshalb versuche ich sie aufzusaugen, ich will keine Ferienfotos die ich nie wieder anschaue, ich will die Erinnerung des Moments, behalten. Ich will die die Wärme speichern wenn mich die Sonne das letzte mal anstrahlt bevor sie sich in ihr eigenes Farbenmeer herabsenkt und ich will keinen Film des Regens sehen, sondern das Gefühl behalten das ich habe wenn ich gegen ihn anrenne, ich will den Wind behalten der mir ins Gesicht bläst. Doch es gelingt nicht, ich kann mir nicht einmal die Namen der Leute merken mit denen ich mein Leben verbringe. Ich kann mir problemlos meinen Arbeitsplan für die nächsten drei Wochen merken, ich vergesse eigentlich nie Termine und mit meist pünktlich. Diese anderen Dinge jedoch, die mir wichtiger erscheinen würden, bei denen schaff ich das nicht.

Ich bin mein Gedächtnis, die Kopie des Traumes der Erinnerung an die Vermutung in einem Moment gelebt zu haben, alles verwaschen und zuvor nie gesehen. Eigentlich ein genauso wundervolles wie nutzloses Kunstwerk, ich bin die Vermutung, Sehnsucht zu haben nach dem Augenblick, den ich bereits erlebt haben könnte und vergessen habe. Ich schlafe, renne, stehe, trinke, esse, verdränge und vergesse. Vergessen ist wohl einfach Teil des Lebens, zumindest für mich.

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